back

Günther Rabl
BELCANTO
computer music

Ende der Siebzigerjahre beschäftigte ich mich ausführlich mit anderen Stimmungen und Tonsystemen. Dabei entstand eine ganze Reihe von Studien, zum Teil auf dem Cello, zum Teil auf Friedrich Guldas altem Clavichord, das ich in den Nächten zwischen unseren Proben benutzen und verstimmen durfte.
Einige Aufnahmen davon bilden das Ausgangsmaterial für die Neukomposition der Begleitmusik zu den Liedern: eine Akkordstudie in Sechsteltönen auf dem Cello, ein Cellomotive für linke Hand allein (mit den charakteristischen Zweiklängen beider Saitenabschnitte), einige Motive am Clavichord in einer 19-stufigen Scala, und dazu noch das Schwirren eines in der Luft herumwirbelnden Lederbandes.

Was hat das alles mit den Liedern zu tun ?
Ganz einfach: eine Melodie - und das ohne Begleitung gesungene Lied ist der Inbegriff der Melodie - kann man nicht komponieren. Man muss sie finden, heraufholen aus dem Fundus der Zeit.
Die Darstellung einer Melodie in einem tonalen und rhythmischen System ist bereits Interpretation, dementsprechend auch jede Art von Begleitung, sei sie nun 'original' oder nicht. In diesem Sinne ist die Komposition einer neuen Begleitmusik mit den Mitteln der Computermusik nicht weniger legitim, als die Begleitung etwa durch ein Klavier oder ein Orchester.

Vielleicht bin ich mit meiner Interpretation ursprünglichen Intentionen sogar näher gekommen als so manche entschärfte und geradegebogenen Adaptionen und Arrangements, in denen uns die Lieder heute - unter dem Deckmantel einer sakrosankten Tradition - gerne vorgesetzt werden.
G.R.