AIN’T THERE TV AFTER DEATH
Dieses kurze Musikstück verdanken wir dem Schauspieler und Autor Thomas Kamper, der mir die Gelegenheit gab, eine Ouverture zu seinem Theaterstück ‘Jokebox’ zu komponieren.
In Hinblick auf das Stück, in welchem unter anderem Beethovens „Grosse Fuge” aus einer Jukebox gespielt wird, während verschiedene stumme TV-Programme projiziert werden, wählte ich ein paar wenige Elemente für meine Arbeit aus: fünf Sekunden Raumklang, der von Beethovens Streichquartett abgeleitet ist; Aufnahmen von TV-Ton.
Im ersten Teil wird der originale Text des Stückes (gesprochen von Barbara Horvath und Thomas Kamper) seiner eigenen Räumlichkeit entkleidet und in den Harmonien des Quartettes rekonstruiert. Schichten von Chören sind das Resultat, die schliesslich in einen tiefen Ton münden, der von einem Schuss (die Aufnahme eines Böllers) unterbrochen wird.
Der zweite Teil besteht ausschliesslich aus TV-Ton – einerseits kondensiert zu einem homogenen Rauschen, andererseits aufgelöst zu einzelnen kurzen, perkussiven Elementen.
Für den dritten Teil benutzte ich mein neues physikalisches Modell einer schwingenden Stange, die von winzigen Partikeln des gesprochenen Textes angeregt wird. Ein tunnelartiger Raum öffnet sich am Ende, in dem der kondensierte TV-Ton nocheinmal als Raumklang hervorgerufen wird.
G.R.
komponiert und produziert: Neustift 2005
verwendete Programme: VASP, AMP
Original: HD stereo, 32bit, 44.1khz |

cover: Günther Rabl bei Proben 2004
Foto: Andreas Brunnflicker / Jörg Huber
supported by: LINZ-KULTUR |
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MITE E–LITE
Hommage an einen Stromgenerator
Auftragskomposition des IEM, Graz
In Siebenwirthen gibt es keinen Stromanschluss.
Wenn man fallweise dennoch elektrische Geräte in Betrieb nehmen will, muss man einen alten Generator der Type McCulloch Mite E-Lite in Betrieb nehmen. Auch um Wasser aus dem Brunnen in ein höher gelegenes Reservoir zu pumpen, muss man den Motor anwerfen. (Dass das Reservoir voll ist, merkt man daran, dass Wasser aus dem Ueberlauf über das Dach plätschert).
Sicher, es gäbe neuere, umweltfreundliche, schallgedämpfte Modelle von Generatoren.
Der Klang von Mite E-Lite aber ist schöner, er hat Charakter, er erzählt eine Geschichte.
Die Aufnahme eines solchen Prozesses (das Starten, das Anlaufen, die ersten Fehlzündungen und schliesslich das eigenständige Absterben des Motors) bildet die Grundlage der ganzen Komposition. Sowohl der Klang selbst, als auch seine rhythmischen und harmonischen Strukturen finden darin Verwendung.
Die ersten spektralen Analysen zeigten eine enorme Fülle an Teiltönen über der Grundfrequenz des Zweitakt-Rhythmus. Erstaunlicherweise sind insbesondere der siebzehnte und der einundreissigste Teilton stark dominant. Es war daher naheliegend, mit Primzahlharmonik an die Sache heranzugehen.
Rhythmisch betrachtet besteht der Prozess aus einer Fülle kurzer Explosionen, von denen keine der anderen gleicht, obwohl sie zusammengenommen den typisch maschinellen Rhythmus eines Motors bilden, der sich somit als höchst lebendig erweist.
Exkommunikation – Im Zentrum startet der Motor im Originalklang. Nach und nach wird er aufgelöst in seine spektralen Komponenten auf der Basis der ersten 11 Primzahlen (2-31). Sie verselbständigen sich und wandern nach aussen, bis sie schliesslich zusammen einen orgelartigen Klangdom bilden.
Blue Note Seventeen – Drei dieser spektralen Komponenten (3,7,5) formieren sich zum Trio, in dem gemäss den Eigenheiten der Primzahlharmonik, rund um den 17. Teilton, jede Menge 'blue notes‘ gesichert sind. Die Rhythmen sind eine Interpretation einer Phase des Motors, in der er rund läuft; die Melodien sind abgeleitet von den Unterschieden der einzelnen Takte. Es entsteht eine stilistische Mimikry, die an Dixieland erinnert.
Leider Wiener – Drei andere spektrale Komponenten (11,13,2) formieren neuerlich ein Trio, dessen Rhytmus aber jetzt aus den ‘schlechten‘ Taktteilen konstruiert ist. Das Ganze bekommt einen stolpernden und larmoyanten Duktus, wie man ihn von manchen Wienerliedern her kennt.
Panoptikum – Spektrale Verzerrungen transformieren alle Komponenten zu Scharen von glockenartigen Klängen, die irgendetwas einläuten. Man weiss aber nicht genau, was.
Abgesang – Sämtliche Primzahlkomponenten formieren sich neu zu einer langsam sich entwickelnden Folge von zwei Akkorden, die so klingen, als könnte es nie anders gewesen sein.
Ausklang – Sie münden wiederum in den Originalklang des Motors, der schliesslich gänzlich aufgelöst wird und verebbt.
G.R.
komponiert und produziert: Neustift, 2001/02
Verwendete Programme: VASP, NMS4
Original: HD 24-kanal, 16bit 44.1khz
Der Tonband- & Computermusiker GÜNTHER RABL und sein Label Canto Crudo waren eine Neuentdeckung der BA 51.....
'Gibt es kein Fernsehen nach dem Tod?‘
Die ersten Dröhnklangverwehungen muten wie auf- und abflauender Chorgesang an, der nach einem Schuss abreißt. Dem folgt ein Hintergrundrauschen, das sich wie dichter Regen oder ein riesiger Bienenschwarm anhört, während es im Vordergrund perkussiv kullert und poltert und allmählich TV-Stimmengewirr hörbar wird. Im letzten Teil durchflattert ein hohl und metallisch wummerndes Vibrieren den Raum. Die Antwort, ob es im Jenseits eine Glotze gibt, muss wohl ähnlich lauten wie schon bei Negativland - There is no escape from noise, nor nonsense.
Mite E-Lite ist danach eine Hommage an einen Generator des Typs McCulloch Mite E-Lite, den Rabl in Siebenwirthen belauscht hat, einem Ort ohne Stromanschluss. Das Originaltuckern des Zweitakters wird „aufgelöst in seine spektralen Komponenten auf der Basis der ersten 11 Primzahlen“ und allerlei Akzentuierungen unterworfen, die sich wie stotterndes Georgel anhören, blue bei 'Blue Note Seventeen‘, larmoyant und torkelnd bei 'Leider Wiener‘, mit glockenartigen Boings und Dongs bei 'Panoptikum‘, zwei sirrenden Akkorden bei 'Abgesang‘, bis beim 'Ausklang‘ wieder das Originalmotorengeknatter und Surren ertönt.
Bad Alchemy #52
Rigobert Dittmann
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