|
LANDSCHAFT MIT PIANIST
Alles, das nicht Klavierklang ist (ausser Friedrich Guldas Stimme), kommt vom Tonband. Alles, das vom Tonband kommt, ist aus Klavierklang gewonnen.
Anfang 1986 wollte der neue Direktor des Wiener Konzerthauses eine Konzertserie mit zeitgenössischer Musik organisieren. Da er mit der gegenwärtigen Musikproduktion nicht vertraut war, fragte er Friedrich Gulda um Rat. Dieser empfahl unter anderem auch Musik von mir. Zu der Zeit hatten wir zwar schon einige Jahre nicht mehr miteinander gearbeitet, aber wir hielten Kontakt und Gulda kannte die meisten meiner Arbeiten. Er empfahl STYX, meine damals neueste Komposition, ein sinfonisches Monument für vier Lautsprechersysteme, zusätzlich mit einer Panoramaprojektion von Renate Porstendorfer. Die Direktion war einverstanden, aber es gab ein kleines Problem: STYX, 48 Minuten lang, war zu kurz für ein normales Konzertprogramm. Andererseits wollte ich das Stück, in dem ich völlig neue Wege betreten hatte, auch nicht mit früheren Arbeiten von mir kombinieren. Gulda machte den Vorschlag, eine Klavierimprovisation als Einleitung zu spielen, aber das schien mir auch keine gute Lösung. Nach einigen Tagen machte ich meinerseits den Vorschlag, wieder eine Zusammenarbeit zu versuchen und ein Stück für Tonband und Klavier zu komponieren. Das war die eigentliche Geburt von LANDSCHAFT MIT PIANIST und wir begannen mit den Arbeiten im März 1986.
Mein Ansatz war der, eine Tonbandkomposition ausschliesslich aus Klavierklang zu schaffen, ein autonomes Musikstück, das aber auch Raum für eine Klavierimprovisation lässt. Zuerst nahmen wir drei Klavierimprovisationen auf (Aufnahmeleitung Wolfgang Musil), die das Ausgangsmaterial für meine Arbeit bilden sollten. Dabei lag es mir fern, Spielanweisungen zu geben. Ich bat lediglich, organische Pausen zu lassen, die es mir leichter machten, das Material zur weiteren Verarbeitung zu zerlegen. Dann hatte ich sechs Monate Zeit für meine Arbeit. Ich legte dem Ganzen ein mikrotonales System von 60 Stufen pro Oktave zugrunde, aufgeteilt in 3 Skalen, die die originalen Töne der Klavierstimmung aussparten. (Ein totales Cluster davon hört man gegen Ende des Stückes in der Wind-Szene). In der Auseinandersetzung mit diesem Material geriet ich weit weg vom orignalen Klang und Duktus der Klaviermusik. Eine akustische Landschaft entstand auf diese Weise, die für sich selber stehen kann, aber auch einem „wandernden” Klavierspieler Raum gewährt.
G.R.
A l’origine contrebassiste, l’Autrichien Günter Rabl s’est peu à peu intéressé aux possibilités d’enregistrements divers sur bandes sonores variées afin d’élaborer une musique expérimentale chaste. Enregistré il y a une vingtaine d’années, ce duo avec le pianiste Friedrich Gulda offre un aperçu saisissant de la chose.
Au premier plan, Gulda improvise d’abord quelques divagations romantiques, quand les cassettes de Rabl – contenant essentiellement un répertoire de bruits tirés du seul piano – osent des souffles et des chocs, donnant à l’envi dans un bruitisme répétitif mais mesuré.
A force de coups distribués sur légère réverbération, Rabl s’impose ensuite davantage, sous l’influence d’élans difficilement qualifiables (assauts plus violents, grincements, inserts de métal) derrière lesquels le pianiste dépose quelques accords appuyés, avant d’opter pour des arpèges, cavalant et conclusifs.
Grisli 2006
www.infratunes.com
Der Tonband- & Computermusiker GÜNTHER RABL und sein Label Canto Crudo waren eine Neuentdeckung der BA 51.....
Gulda, berühmt und gepriesen als Beethoven- und Bachinterpret, und geschmäht, weil er durch sein Crossover zum Jazz dem Klassik-Betrieb Magenschmerzen bereitete, während die kaum weniger spießigen Jazzer prompt über den Möchtegern-Improvisierer die Nasen rümpften, hatte auf Rabls Wunsch hin seinen Impromptus Luft zum Atmen gelassen. Heute, wo nur noch Angestellte der Klassikindustrie reüssieren können, die sich als glamouröse Figuren mit Pop- und Sexappeal präsentieren lassen, ist der Knatsch so obsolet wie der zwischen den Musique-concrète-Schmuddlern und den Elektronikpuristen. Guldas '3 Pianostücke‘ sind tatsächlich kein Jazz, nicht einmal im entferntesten 'White Line‘-Sinn, sondern Stegreifmusik by brain & heart, der souveräne und sogar sympathisch unprätentiöse Umgang eines eigenkreativen Kopfes mit einem Bösendorfer Imperial und dem Materialstand post Chopin, Debussy und Skrjabin. Selbst zu Bill Evans hielt Gulda breiten Sicherheitsabstand und allenfalls Keith Jarrett kam ihm als Geisterfahrer entgegen. Heute durchstreift ein Kjetil Björnstad ähnlich 'klassisches‘ Terrain und erntet dafür Lob.
Rabls 34-minütige Landschaft mit Pianist lässt Guldas Pianospiel in Beziehung treten zu Tonbandechos, die dröhnminimalistisch flirren und aufrauschen oder perkussiv klirren und pingpongen, aber ausschließlich aus dem Pianoklang selbst gewonnen wurden.....Guldas glasperliger, oft nachdenklich tönender Anschlag wirkt tatsächlich, wenn nicht wie in, so doch - dabei selbst geschützt - wie vor eine Landschaft gestellt aus glitzernden Eiskristallen mit abgehenden Schneebrettern oder Steinschlag im Hintergrund, der durch eine erhabene Gebirgsskyline gebildet scheint. Alles nur Einbildung und wilde Imagination, sicher. Aber die konkreten Drones entwickeln nun mal eine aufragende Präsenz, durchsetzt mit knarrenden Schüben und rieselnden oder rollenden Kaskaden. Der Bösendorfer-Ton beginnt auch selbst zu morphen, wird gläsern, tönern, hölzern, blechern, kristallin, wie halbgefroren. Im letzten Viertel herrscht eine aleatorische Perkussivität vor aus da und dort hintropfenden Klangtupfen. Mit zunehmend böigem 'Wind‘ beginnt ein 'Blätterwald‘ wie 'Meeresbrandung‘ aufzurauschen, bis sich alles wieder beruhigt und allmählich verstummt. Ich bleibe dabei, ein Soundscape mit Halluzinationspotenz.
Bad Alchemy #52
Rigobert Dittmann
|

cover: Günther Rabl and Friedrich Gulda on stage 1987
foto processing: Jörg Huber
supported by: LINZ-KULTUR

foto Frank Fiedler / Jörg Huber

foto Renate Porstendorfer
|
 |