GROTESKEN :: Günther Rabl

 

Stinknase

Ich darf davon ausgehen, dass Sie nicht wissen, was eine Stinknase ist. Nun, die Stinknase ist eine seltene Krankheit, bei der die davon Befallenen auf Schritt und Tritt üblen Geruch wahrnehmen und oft ihr Leben lang nicht bemerken, dass sie das selber sind.
In der Medizin ist die Krankheit seit langem als Ozaena, oder Rhinitis atrophicans bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es davon auch Ausprägungen gibt, die auf andere Sinneswahrnehmungen, ja sogar auf das Denken selber übergreifen: Ozaena intellectualis, oder die Intellektuelle Stinknase (siehe auch Valentin Frey, Wissenschaftliche Arbeiten, S.350/51)
Erstaunlicherweise treten die Symptome gerne bei Personen auf, die berufsmässig mit einer Sache zu tun haben, die sie in Wirklichkeit hassen. Musikkritiker beispielsweise, die ständig Misstöne heraushören; oder Kunstkuratoren, die überall Unreinheiten wittern.
Die Befallenen reagieren dabei häufig auf eine Art, wie man das bisher nur von einer anderen Krankheit her kennt, dem sogenannten Waschzwang. Während man aber beim Waschzwang schon lange die Ursachen herausgefunden hat, die häufig in einer, mit einem Verbot behafteten masturbatorischen Betätigung liegen, tappt die Wissenschaft hinsichtlich der Stinknase noch weitgehend im Dunkeln. Man vermutet aber, dass dem Leiden lange zurückliegende künstlerische , oder 'kunstähnliche' Betätigungen (so der richtige wissenschaftliche Terminus) zugrundeliegen, deren abgestorbenen Relikte eben zu der ständigen, lästigen Geruchswahrnehmung führen.

Zum Schluss eine freudige Botschaft: Die Stinknase ist heilbar,
aber man weiss noch nicht, wie.

 

 


© Günther Rabl 2007
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
Zitierung im Sinnzusammenhang mit Quellenangabe bis auf Widerruf gestattet.
Jedwede Änderung der Schreibweise und Interpunktion, insbesondere in Bezug auf die 'neue deutsche Rechtschreibung', ausdrücklich verboten.