In einem anonymen Brief ohne Absender mit einem Poststempel von St.Veit/Glan wurde uns folgendes merkwürdige Dokument zugesandt. Für die Richtigkeit seines Inhaltes können wir allerdings keine Garantie übernehmen, wiewohl die historischen Darstellungen darin mit allem, was man bisher über den Gegenstand weiss, erstaunlich genau übereinstimmen.
Der Schwartzpreis
Am 8.Dezember 1199, einem Sonntag, nur wenige Tage vor der grossen Jahrhundertwende, fröhnte der Franziskanermönch Berthold Schwartz, wie jeden Sonntag, seiner Leidenschaft, der Alchemie. Wie viele seiner Zeitgenossen, war er durchdrungen von der Idee, es müssten sich unter Luftabschluss und bei hohen Temperaturen die Elemente ineinander verwandeln lassen, praktisch gesprochen: wertlose Substanzen zu Gold.
Diesmal verlief alles anders als gewöhnlich: Der 'Faule Heinze' (die landläufige Bezeichnung für den damals üblichen Alchemistenofen) wollte nicht und nicht auskühlen. Plötzlich gab es einen Knall, eine Explosion, die das ganze Laboratorium verwüstete und den Mönch, der glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt seine Notdurt im angrenzenden Garten verrichtete, zu Boden warf. Zurück blieb ein kleines Häuflein rotgoldenes Pulver. Berthold wagte nicht, es anzurühren. Sein ungarischer Laboratoriumsdiener aber, der durch den Knall von seinem Nachmittagschlaf aufgewacht und herbeigeeilt war, nahm sich ein Herz, benetzte einen Finger mit seiner Zunge und kostete das Pulver: Es war brennend scharf ! 'Oi, paprizi kapizi !' rief er aus (ein altungarischer Fluch, den wir hier lieber nicht übersetzen).
Gold war es nicht, das stellte sich bald heraus, aber es war eine Substanz, die mehr wert war als Gold. Berthold lud alle seine Freunde ein und der Laboratoriumsdiener seine gesamte ungarische Verwandtschaft. Alle kosteten sie von dem merkwürdigen Pulver, sprangen in der Stube umher und riefen ein um das anderemal: 'Oi, paprizi kapizi !'.
Die Kunde von dem scharfen Pulver verbreitete sich wie ein Lauffeuer und drang, über die Verwandtschaft des Laboratoriumsdiener, auch an den ungarischen Königshof.
Örwin der Nutzlose, König von Ungarn und Pannonien, führte ein strenges Regime. Er hatte einen Leibkoch, einen Russen namens Gulyaschkov, der täglich neue Gerichte erfinden musste, die niemandem schmeckten. Dieser wurde beauftragt, mit dem Pulver, das der Beichtvater König Örwins für die hundertfache Menge Goldes dem Mönch abgekauft hatte, eine ausgefallene Speise zu kreieren. Der Koch nahm das zäheste Rindfleich, das er finden konnte, Berge von Zwiebel, kochte das tagelang und servierte es in einer, aus winzigen Mengen des kostbaren Pulvers zubereiteten scharfen, roten Sosse. Dieses noch nie dagewesene Gericht, wurde der Einfachheit halber nach dem Koch benannt.
König Örwin legte grössten Wert auf Etikette. Alle Gäste an seiner Tafel mussten in weissen Kleidern erscheinen und niemand durfte einen Löffel benutzen. (Hier muss erwähnt werden, dass der Löffel damals auch in Ungarn schon seit über fünfzig Jahren bekannt war. Marco Polo hatte ihn in China kennengelernt und die Jesuiten, die ihn begleiteten, haben die gesamten Bestände an Löffeln aufgekauft. Sämtliche Chinesen essen bis zum heutigen Tage nur mehr mit Holzstäbchen). Nein, mit einer Gabel mussten die Gäste des Königs die Sosse essen und wer sich anpatzte, wurde geköpft.
Eines Tages kam ein preussischer Gesandte an den ungarischen Königshof. Er hatte schon von den seltsamen Sitten gehört und ihm graute vor der bevorstehenden Prüfung an der Tafel des Königs, die schon so vielen unschuldigen, aber ungeschickten Essern das Leben gekostet hatte. Da verfiel er auf eine List. Er liess sich von einem türkischen Bäcker in Györ, namens Semal, einen ganzen Sack voll kleiner, weisser, weicher Brötchen machen und behauptete, das wäre ein Geschenk des deutschen Kaisers. Nun, ein Geschenk des deutschen Kaisers konnte auch der eigenwillige König Örwin nicht gut ablehnen und so wurden die Brötchen, 'Kaiser-Semaln' benannt, an alle Tafelgäste verteilt. Als es nun daranging, die fatale Sosse zu essen, brach der listige Gesandte seelenruhig sein Brötchen in kleine Teile und tunkte unter vielen Lobsprüchen auf das deutsche Kaiserhaus und das ungarische Königshaus die Sosse restlos auf, ohne sich auch nur im Entferntesten zu beschmutzen. Der ganze Hofstaat tat desgleichen. Im Gedenken an diese List wird in österreichischen Kaffeehäusern bis heute das sogenannte Gulyasch nur mit Gabel und Semmel serviert.
Zurück zu Berthold Schwartz: Er wurde seines plötzlichen Reichtums nicht froh. Das Gold war, wie zu erwarten, schnell verprasst und Berthold bemühte sich vergeblich, mehr von dem begehrten Pulver zu erzeugen. Weder ihm, noch irgendjemandem sonst ist das bis auf den heutigen Tag gelungen. Findige Händler brachten einen Ersatz: die zu Pulver vermahlenen getrockneten Früchte einer unbedeutenden argentinischen Zierpflanze, fälschlicherweise 'Paprika' benannt. (Kein Vergleich mit dem Original, aber es setzte sich allgemein durch).
Berthold machte viele Versuche. Er verbrauchte eine Unmenge an Öfen und verlegte schliesslich sein Laboratorium ins Freie. Die Explosion stellte sich nahezu jedesmal ein, aber das rote Pulver wollte sich nicht mehr zeigen. Bayrische Marodeure entwendeten einmal einen Ofen und benutzten ihn bei der Belagerung von Leipzig 1215 zum Wäschetrocknen. Der explodierende Ofen riss eine Lücke in die Stadtmauer: Das Schiesspulver war entdeckt, dessen weltweite Verbreitung als bekannt vorausgesetzt werden darf.
Berthold starb verbittert und verarmt im Winter 1228.
Wenig Tage vor seinem Tode verfasste er aber noch ein Testament. Ihn reute die indirekte Beteiligung an der Erfindung jenes anderen Pulvers, dessen folgenschwere Auswirkung auf die ganze Menschheit klar vor seinem fiebrigen inneren Auge stand. In diesem Vermächtnis ordnete er an, dass fortan für jedes Geschoss, das mit solchem Pulver gefüllt ist, ein Obolus zu entrichten sei, ein 'Batzen' - die kleinste Münze, die es damals gab (nach heutigen Masstäben ungefähr vier Euro, man bekam dafür ein Nöstel Wein oder einen Laib Brot). Das eigentliche Vermächtnis selber - und somit auch das damit verbundene Bankkonto - sollte aber erst nach Ablauf von 777 Jahren geöffnet werden.
Am 17.Jänner 2005 war es nun soweit: Das traditionsreiche Schweizer Bankhaus Ruetli & Spruengli, das durch alle Fährnisse der Weltgeschichte über siebenhundertsiebenundsiebzig Jahre hindurch auftragsgetreu weltweit die Akkumulation des als 'Patronenzoll' bekannten Obolus vorgenommen hatte, öffnete das Testament und das Konto. Ein Geldbetrag kam zum Vorschein, den zu beschreiben sämtliche Nullen des internationalen Finanzwesens nicht ausreichen würden !
Aus diesem Fundus sollen nun alljährlich Preise gestiftet werden für auf dem Gebiet von Kunst, Politik und Wissenschaft hervorragende Persönlichkeiten. Somit gibt es ab sofort alljährlich: den Literaturschwartzpreis, den Musikschwartzpreis, den Friedensschwartzpreis, den Physikschwartzpreis, und, und, und. Geldsummen jenseits allen Vorstellungsvermögens stehen dafür zur Verfügung.
Einzig der Musikschwartzpreis macht da eine Ausnahme. Berthold war, wie viele Mönche seiner Zeit, sehr musikalisch. Es ist urkundlich belegt, dass er, zusammen mit einigen Mitbrüdern, eine Dixielandband unterhielt und auch fallweise selber Saxofon und Schlagzeug spielte. Musik war ihm heilig. Und es war ihm sonnenklar, dass man die Musik - die erste der neun Musen, wie er aus dem Studium antiker Schriftsteller wusste - durch weltliche Vereinnahmung nur beleidigen würde. Daher ist der Musikschwartzpreis auch der einzige in der langen Reihe von Preisen, dessen Ehrung nicht mit einer Geldzuwendung verbunden ist. Und er ist auch der erste, der im Rahmen dieser sagenumwobenen Stiftung vergeben wird.
777 Kuratoren und Kuratorinnen aus allen Fraktionen von Kunst und Wissenschaft berieten satzungsgemäss 777 Stunden lang. Die Entscheidung fiel nicht leicht. Freimaurer und Jesuiten lieferten sich Wortgefechte, wie man das seit dreihundert Jahren nicht erlebt hatte, während sich die Fraktion der Scientologen süffisant aus allen Diskussionen heraushielt und nichteinmal ihre Favoriten nennen wollte. Die Vertreter der New Economy und die der Neuen Elektronik hatten zwar exakt dieselben Vorschläge, gerieten sich aber dennoch darüber in die Haare, wer sie nun vorbringen dürfe. Buchstäblich in der letzten Minute (nach Ablauf der festgelegten 777 Stunden hätte nur mehr das Los entscheiden können) einigte man sich auf zwei Personen, die überraschenderweise zu keiner der beteiligten Fraktionen gehören. Durch die Indiskretion eines Jurymitgliedes aus Kärnten wissen wir deren Namen noch vor der offiziellen Bekanntmachung:
Es sind ...
An dieser Stelle war das Dokument bedauerlicherweise mit dem Briefumschlag verklebt. Die hier offensichtlich folgenden Namen sind beim besten Willen nicht mehr lesbar. Wenn dem aber so ist, wie der anonyme Schreiber es darstellt, dann kann die offizielle Veröffentlichung der Preisträger ja nicht mehr lange auf sich warten lassen. Man darf gespannt sein !
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