SATIREN :: Günther Rabl

DER NEFFE AN SICH

Als Marcel Polo bei seiner berühmten Weltumseglung Wien entdeckte, hielt er es anfangs bekanntlich für New York. Von daher rührt auch die ständige Verwechslung der beiden Weltstädte. (Auch heute noch werden Dokumentationen über das harte Leben in New York aus alter Tradition gerne in Wiener Konzerthauskantinen gedreht).
Es war Marcel Polos erste und letzte Reise. Er verliebte sich in die Indianerprinzessin Poldi Honcak, die in Grinzing ein Heurigenlokal betrieb und blieb für den Rest seines Lebens in Wien. Er wurde zu einem intimen Kenner der Heurigenmusik und spielte gelegentlich auch selber Oboe.
In diesem, seinem neuen Lebensabschnitt begegnete Marcel eine markante Figur der Wiener Halbwelt, die durch Jahrhunderte in immer wieder neuen Inkarnationen zum Vorschein kommt:
Der Neffe an sich und seine Freunde. Auf den ersten Blick erkannten sie ihre Seelenverwandtschaft und es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit, im Zuge derer sie viele Heurigenmusikveranstaltungen kuratierten (denn eine andere Kulur gabe es damals noch nicht in Wien).
Den sorgfältig geführten Tagebuchaufzeichnungen Marcels verdanken wir letztlich die Kenntnis dieses Phaenomens, auf das sich auch der Philosph Johann Christoph Raabl (ein Lieblingsschüler Immanuel Kants) in seiner Schrift 'Die Phaenomenologie des Neffen an sich' beruft. Getreu dem Weltbild seines Lehrers entwickelt der Philosph darin die Theorie, dass der Neffe an sich eine Art Knoten ist im Schnittpunkt der drei a priori gültigen Dimensionen der Wirklichkeit: Raum, Zeit und Geld. Selber nicht nachweislich an den Dimensionen beteiligt, muss dennoch - kurz gesagt - alles durch ihn durch, das sich in einer solchermassen konstituierten Wirklichkeit bewegen will.
Johann Christoph Raabl unterscheidet in seiner Phaenomenologie mehrere Grundtypen, von denen wir hier nur die wichtigsten wiedergeben:
Der Neffe an sich - Inkarnationsmodell 'classic'
breit angelegt bis unförmig, stets mit einem geheimnisvollen Lächeln, das nur in seltenen Momenten vorübergehend dem Ausdruck blanker Entgeisterung weicht.
Der Neffe an sich - Inkarnationsmodell 'aristo'
überlebensgross, aber geradezu beängstigend dünn; mit einer Vorliebe für Kleinkarriertes, nicht selten aber auch in einem mit schwarzem Pelz verbrämten Fledermausmantel (witterungsunabhängig).
Der Neffe an sich - Inkarnationsmodell 'modern'
klein und drahtig, stets finster; lächelt kaum und wenn, dann nur süffisant. Kleidet sich gern in Leder und trägt dunkle Sonnenbrillen, auch bei Neumond.
Der Neffe an sich - Inkarnationsmodell 'luxus'
ähnelt in einigen Details dem Modell 'aristo', in anderen dem Modell 'modern' und wird daher von manchen Autoren lediglich für eine bastardisierende Zwischenform gehalten.
Es soll auch ein weibliche Ausformung des Neffen an sich geben, aber die Forschungen darüber liegen noch sehr im Dunkeln.
Der Neffe an sich hat keine Entwicklung und keine Geschichte. Plötzlich ist er da, als hätte es ihn schon immer gegeben: als Firmenchef, als Kunstkurator, als Museumsdirektor, als Redakteur, als Minister, als Operdirektor, als Festspielintendant. In seiner Unvorhersehbarkeit ähnelt er etwas dem Wirtshaus 'zur Letzten Latern'. Im Gegensatz zu diesem verschwindet er aber nicht wieder am nächsten Morgen, sondern bleibt solange, bis er von seiner folgenden Inkarnation abgelöst wird. Und das kann lange dauern.

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© Günther Rabl 2005
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