SATIREN :: Günther Rabl

Anfang

Das erste 'Musikinstrument' mit dem ich Bekanntschaft machte, war ein Ding namens 'Melodica'. (Ich weiss nicht, wer das erfunden hat und ich will es auch gar nicht wissen. Er ruhe in Frieden). - Ein Blasinstrument mit Tasten, pro Taste ein Ton. Misstrauisch, wie man ist in einem Alter, da man langsam begreift, dass der Wetterbericht auch nicht immer recht hat, vermutete ich gleich, dass es da auch noch andere Töne gibt in der Welt. Aber wie kommt man an die heran ?? - Ich stellte folgende Überlegung an: Da jede Taste einen eigenen Ton gibt, erhält man vielleicht einen Zwischenton, wenn man zwei benachbarte Tasten gleichzeitig drückt. Das Ergebnis war nicht zufriedenstellend. Aber immerhin war es ein Klang, der deutlich verschieden war von den beiden anderen; vielleicht war das aber wirklich der gesuchte Zwischenton ? - Um das zu verifizieren erweiterte ich die Versuchsanordnung: Ich drückte eine Taste und gleichzeitig die übernächste, sodass eine dritte Taste dazwischen lag. Wenn der resultierende Klang wirklich ein Zwischenton sein sollte, dann musste er ähnlich klingen wie der Ton der dazwischenliegenden Taste - ist doch klar. Das war aber nicht der Fall. Das Instrument erwies sich somit in melodischer Hinsicht als unbrauchbar. Derartige, von Erwachsenen aufgestellte unbeeinflussbare Schemata waren mit meinem Freiheitsgefühl nicht vereinbar.
Es ist überflüssig zu erwähnen, dass ich den Versuch selbstverständlich mit den weissen und schwarzen Tasten getrennt durchführte und dass ich die Tatsache, dass schwarze und weisse Tasten nicht wirklich verschiedene Eigenschaften haben als Betrug empfand, ähnlich wie Bonbons in verschiedenen bunten Farben, die alle gleich schmecken. Das einzige, das sich aus diesem Versuch mit Sicherheit ableiten liess war dieses: Drückt man eine Taste, entsteht ein hässlicher Klang; drückt man zwei Tasten gleichzeitig, entsteht ein noch hässlicherer Klang; und je mehr Tasten man gleichzeitig drückt, umso hässlicher wird er schliesslich. Somit war das Kapitel Harmonielehre auch erledigt und ich konnte mich nun ernsthaft und ungehindert daranmachen, die Gesetze der Musik zu studieren.

 


© Günther Rabl 1993
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