NOTIZEN :: Günther Rabl :: Verstreute Zetteln (1987-98)
 

 

Nur im Misslungenen
liegt Charakter.
Misslingen ist immer
ein Gelingen höherer Ordnung.

 

Wer vollkommen sein will,
muss auch Laster haben.

 

Mein armer Kopf !
Ich dummer Tropf,
ich soff zuviel,
weit übers Ziel.
Doch mehr hat mir,
als Wein und Bier,
das zugesetzt,
was ich geschwätzt.
Das muss es sein:
Bin ich allein,
dann sauf ich still
soviel ich will
und noch viel mehr,
ohne Beschwer !
Wie ist mir schlecht.
Geschieht mir recht,
mir dummen Tropf.
Mein armer Kopf !
Was lern ich draus ?
Nichts lern ich draus.

 

Was prahlt ihr mir mit Stärke !
Treibholz seid ihr im Strom
der Zeit, und eure Werke
nicht Wesen, bloss Symptom.

 

Was prahlt ihr mir mit Wissen !
Tot ist der ganze Wust
an Kenntnis, jeder Bissen
nicht Zuwachs, bloss Verlust.

 

Der Kunstgriff der grossen
und kleinen Gauner aller
Sparten - von Kunst
bis Politik - ist, mit
Dingen zu prahlen, für die
sie sich eigentlich schämen
müssten, und aus der offenen
Schamlosigkeit noch Stolz
zu ziehen.

 

Was werden wir hören ? -
Dasselbe wie immer, jeder
was anderes.

 

Schallwellen transportieren
ohne Zweifel auch einen Teil
ihrer Bedeutung. Das viel
Besprochene wird unwahr.

 

Die Stümperei mit maschinenmässiger
Gleichförmigkeit führt bloss zu
dem Unbehagen, das man empfindet,
wenn man die Maschine abstellt
und bemerkt, dass man noch am Leben ist.
Das ist Betrug !

 

Wenn aus einer fruchtbaren
musikalischen Entwicklung
ein Stil hervorgeht, so
ist das eine bedauerliche
Erstarrung. - Was soll
man aber zu denen sagen,
die einen Stil erfinden
um sich die Entwicklung
zu ersparen !

 

Aufnahmen von
musizierter Musik werden
mir bisweilen zu grauenhaften
Petrefakten - in den
Grimassen heilloser
Individualismen erstarrte
Zeit. Die Vergangenheit
stürzt unaufhaltsam
und das Unwiederbringliche
verhöhnt den Zurückbleibenden.

 

Früher füllte so eine
Rechenanlage noch ein
ganzes Haus, heute geht das
alles in einen Chip ! -
Ja, das ist der Fortschritt.
Früher war die Seele
noch so gross, dass sie
sich nur unter freiem
Himmel ausbreiten konnte,
heute geht sie schon in
eine Nusschale.

 

Musikforschung ? - Musik ist
Forschung, ihr Resultat: Musik

 

Gerüchte häufen sich
in der prallen Mittagssonne,
bilden eine Fata Morgana
für Wahrheitsuchende.

 

Wäre Musik lebensnotwendig wie
Wasser und Luft - wir wären
längst erstickt und verdurstet
an den Surrogaten, die uns der
Musikbetrieb vorsetzt.
Wäre Musik massiv, wie die
Bauten der Architektur - wir
wären längst begraben unter dem
Trümmerhaufen einstürzenden
Flitterkrams aller Stilrichtungen.

 

Der Musiker ist dem Mathematiklehrer entlaufen, meint Adorno, vergisst aber zu ergänzen: selbstverständlich
auch dem Musiklehrer.
Sieht man einmal ab von den Komponisten, die sich mit Strukturen beschäftigen, so ist die grundsätzliche Mathematikscheu
der Musiker ja tatsächlich geradezu
berüchtigt. Freilich habe ich noch
keinen getroffen, der nicht Takte,
oder wenn auch das nicht, dann
wenigstens Geld zählen könnte - und
wäre er die antirationalste Mimose,
die sich denken lässt.

 

Unter denen, die im Laufe der Zeit
mit meiner Musik konfrontiert
worden sind, befand sich auch einmal
ein Hund.
Er war nicht der schlechteste
meiner Zuhörer und eine Zeit lang
verfolgte er aufmerksam das
Geschehen aus den Lautsprechern und lauschte mit ungeheucheltem
Interesse.
Ueber eines aber kam er nicht hinweg
und das hat ihm schliesslich den
ganzen Musikgenuss verleidet:
es gab daran nichts zu riechen !

 

Zweifel ist Säure,
Reue ist Balsam

 

Der Arme klagt den Reichen an:
Wir sind doch alle gleich ?
Warum ist nicht der Reiche arm
und nicht der Arme reich !

 

Was nützen Augen im Kopf,
wenn Stroh dahinter ist !

 

Das Recht der Mehrheit
ist ein numerisches Faustrecht.

 

Wer viel zu sagen hat,
muss es schnell sagen.
Wer sehr viel zu sagen
hat, muss manches
langsam sagen.

 

"Ich verzicht völlig auf
Melodie und Rhythmus",
sagte ein moderner Komponist.
Von wegen ! Melodie und
Rhythmus verzichten auf ihn.

 

Ich bin schneller als du,
sagt der Verstand zum Gefühl,
und komme rasch überall hin.
Ich bin überall, sagt das
Gefühl.

 

Glätte ist nur dort schön,
wo sie gebändigte Rauhigkeit ist.

 

Noten: Töne, die keine
weitere Funktion haben als
zwischen zwei anderen
zu sitzen.

 

Kontrapunkt: die Hoffnung,
dass die Stimmen
zusammenpassen.

 

Die Welt wäre ein Narrenhaus,
wenn jeder sein dürfte,
wofür er sich hält.
Wo jeder das sein soll, wofür ihn die
anderen halten, ist ganz das
nämliche Narrenhaus.

 

Wenn eine Milch
"Almdodl" heisst,
dann trink sie nicht:
Es ist nicht Milch,
es ist Almdodl !

 

Das kann halt einmal
passieren, sagt die Dummheit.
Und zwar jedesmal.

 

Retourkutsche:
Das Radioprogramm bleibt in
den nächsten Tagen schlecht,
sagt das Wetter.

 

Orchestermusik:
das unvermeidliche
Nebengeräusch einer
Theatertruppe, die
ein traditionelles optisches
Ritual vollführt, welches
"Konzert" heisst.

 

Wenn die grafischen
Hilfsmittel der musikalischen
Komposition Formgewalt
erlangen, dann entstehen
solche langweiligen,
erklärungssüchtigen Stücke,
wie sie bis zur Unerträglichkeit
unsere "Neue Musik" beherrschen.
- Papiermusik !

 

"Ich habe keine Intentionen
Musik zu machen, es sind bloss
Klänge, Geräusche in einer Ordnung
wie sie uns im Leben begegnen."
- Ja, wenn das wäre ! - dann
wär's ja Musik !!

 

In der Architektur
gibt es eine unerbittliche
ästhetische Probe: die
Schwerkraft. Was entspricht
dieser in der Musik ??

 

Man rennt offene
Türen ein und schlägt
sich doch den
Kopf wund dabei.

 

Wie meine Entscheidungen
zustandekommen ? -
Empfindungen stürzen auf
mich ein, Meinungen belagern
mich, und irgendwann sage ich:
halt !

 

Zu den weltlichen Dingen,
deren sich der Asket
enthalten muss,
gehören vor allem sämtliche
Rituale, die die Welt
für geistige Dinge hält.

 

Wer die nutzlosen Erkenntnisse
verwirft, bei dem werden
auch die nützlichen
nicht mehr einkehren.

 

Gezielt lernen ist schwer,
gezielt vergessen unmöglich.

 

So manches seh
ich aus der Näh,
was andere, ferne,
nicht gewahren
und halten mich
für einen Narren -
mir tut's nicht weh.

 

Es brennt die Flamme lichterloh,
verzehrt den Sauerstoff so froh,
verzehrt den Stickstoff auch dazu,
dann gibt sie Ruh.

 

Ich glaube nur, was ich sehe,
sagte die Schnecke zum Adler,
und von fernen Ländern musst
du mir gar nichts erzählen,
bloss weil du eine Stunde weit
herkommst ! Glaube mir, ich
kenne jedes Salatblatt fünf
Tagereisen im Umkreis.

 

Die Frömmelnden ! -
Sie glauben, als altbackene
Schmolle wird sie der
Teufel nicht fressen.

 

Was dich ängstigt,
wirst du verstehen,
ist es Hoffnung.

 

Lernen ja. Üben nein.

 

Lösung des Generationsproblems:
Aus den jungen Teppen von heute
werden die alten Teppen von morgen.

 

 

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© Günther Rabl 1987
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
Zitierung im Sinnzusammenhang mit Quellenangabe bis auf Widerruf gestattet.
Jedwede Änderung der Schreibweise und Interpunktion, insbesondere in Bezug auf die 'neue deutsche Rechtschreibung', ausdrücklich verboten.