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Sämtliche Funktionsbezeichnungen sind, wenn nicht im Kontext explizit anders ersichtlich,
geschlechtsneutral zu verstehen.
KUNST
Was wir heute in Österreich erleben, ist eine beispiellose Hetze gegen die werkeschaffende Kunst.
Der Typus des schaffenden Künstlers scheint veraltet, er passt schlichtweg nicht mehr ins Bild einer
modernen Gesellschaft. Was stattdessen gefragt ist, ist der konzipierende, projektierende Künstler
- eine Art Organisator und Manager seiner selbst, der, wie eine Werbeagentur, leicht fassbare Ideen
plakativ zur Schau stellt, während deren inhaltliche Gestaltung geflissentlich übersehen und jede
Diskussion darüber abgewürgt wird mit Worten wie: Darum geht's nicht. Bezeichnenderweise kommen die
vehementesten Angriffe und Schmähungen gegen den veralteten Künstlertypus, wie gegen den Werkbegriff
überhaupt, aus den Reihen der Künstler selber - freilich von solchen, deren Schaffen tatsächlich keine
nennenswerten Werke hervorgebracht hat. Indem sie aber die Wertigkeiten einfach umdrehen, was umso
leichter gelingt, als die sogenannten Künstler dem Bürgertum und von Zeit zu Zeit auch den Regierungen
sowieso ein gewisses Unbehagen verursachen, hieven sie sich selber in eine Position, von der aus es
ihnen möglich wird, die gesamte Kulturlandschaft zu indoktrinieren: die Gestaltung von Ausstellungen,
Konzerten, Festivals, Rundfunk- und Fernseh-programmen und nicht zuletzt auch die Festlegung
von Förderungsrichtlinien für diverse mit Kunst und Kultur befasste Regierungsstellen und Stiftungen.
Indem sie nun dergestalt jede Existenzmöglichkeit des Kunstschaffens untergraben und auch dessen Präsenz
in der Öffentlichkeit mit Erfolg verhindern, können sie scheinbar beweisen, was vorher nur Polemik
war: die werkorientierte Kunst sei überholt und nicht mehr lebensfähig. (Nicht unähnlich der Logik
der Faschisten gegenüber dem für 'nicht lebensfähig' erklärten und daher zu vernichtenden Leben).
Natürlich haben solche antimusischen Kräfte, die zu personifizieren es hier nicht weiter gilt, ein
leichtes Spiel: Zum einen kann man sich darauf verlassen, dass, wo immer vom Kunstschaffen und vom
Werk die Rede ist, eine unausrottbare falsche Vorstellung davon mitgedacht wird, die wahrhaft lächerlich
und unzeitgemäss ist, zu keiner Zeit jedoch je zutreffend war, nichtsdestoweniger aber von zahlreichen
populären Künstlerbiografien und kommerziellen Spielfilmen unermüdlich genährt wird. Zum anderen geht
jede weitere Besinnung über dieses Thema in einer heillosen medialen Wirrnis unter: geschürt von Technologieapologeten,
die uns mit ihrem Fortschrittsgezeter das Blaue vom Cyberspace herunterlügen und bei jeder noch so
lapidaren technischen Umstellung von neuen, ungeahnten Möglichkeiten schwärmen, während sie in Wirklichkeit
froh sein können, dass das in ihrem Fall glücklicherweise nicht zutrifft, weil sie den Abgründen,
die notwendig mit neuen Möglichkeiten verbunden sind und die auszuloten eben Aufgabe von wirklicher
Kunst und Wissenschaft ist, nie und nimmer gewachsen wären. Fast überflüssig, zu erwähnen, dass die
Totengräber der Kunst mit den Hebammen des technischen Fortschrittes kollaborieren, wenn nicht überhaupt
identisch sind: "Ars Electronica stellt die Kunst in Frage", hiess es 1996 in der offiziellen
Aussendung eines einschlägigen Festivals, "und präsentiert ... Arbeiten, die nicht länger Beobachtung
und Interpretation des durch die digitale Revolution bedingten kulturellen Wandels sind, sondern eine
seiner unmittelbaren Folgen." Und weiter: "Geprägt durch die menschliche Fähigkeit
zur Informationsverarbeitung ist unsere Evolution untrennbar mit der technologischen Entwicklung verbunden.
Komplexe Werkzeuge und Technologien sind integraler Teil unserer evolutionären 'Fitness'. Gene, die
dieser neuen Realität nicht gewachsen sind, werden das nächste Jahrtausend nicht überleben."
Der übliche faschistoide Trick: jede Sentenz ein indifferenter Zwitter aus Prophezeihung und Drohung.
Gelingt es, die Drohung wahr zu machen, ist die Prophezeihung erfüllt; das neue tausendjährige Reich
(das Reich des 'neuen Jahrtausends') errichtet. Längst ist es offenkundig, dass die globalen Netzwerke,
in denen, im euphemistisch als "menschliche Fähigkeit zur Informations-verarbeitung"
formulierten Zwang zur Information, das fundamentale Recht aller Lebewesen auf Nicht-Informiertheit
verlorengeht, der eigentliche Hort eines neuen, globalen Faschismus sind. Nicht etwa die paar Anachronisten,
die Hakenkreuze, oder sonstige belastete Symbole 'ins Netz hängen', sind die grosse faschistische
Gefahr. In der globale Vernetzung selber steckt sie: Das Internet ist der Volksempfänger des neuen
Jahrtausends. Wer heute, ohne institutionelle Rückendeckung, einen Computer netzunabhängig als digitales
Werkzeug betreibt, macht sich verdächtig, wie dazumal jener, der den Volksempfänger ablehnte, um lieber
mit einem eigenen Detektor ausländische Nachrichten zu hören. Mit dem kleinen Unterschied, dass es
nun auch kein 'Ausland' mehr gibt, auf dessen Hilfe man naiverweise hoffen könnte. Wie konnte es zu
so einer Entwicklung, zumal in den Künsten, kommen ? Offenbar haben im Laufe der letzten Jahrhunderte
Künstler aller Sparten immer wieder versucht, sich den jeweils herrschenden und einflussreichen gesellschaftlichen
Schichten oder Institutionen, die ihnen eine Existenz zu garantieren schienen, inhaltlich und formal
anzubiedern: Klerus, Adel, Bürgertum, Militär, Partei. Ohne Wertungen setzen zu wollen, reicht die
Palette hier von Kirchenmusik über Kriegslyrik bis zu den Bildwerken des Sozialistischen Realismus.
In den letzten Jahrzehnten hat sich aber eine neue gesellschaftliche Schicht formiert, die zumindest
zu einem Teil die längst vakante Rolle des Grossbürgertums übernimmt. Sie rekrutiert sich aus Berufsgruppen
wie: Manager, Unternehmer, Direktoren, höhere Beamte, Politiker. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie
zwar Einfluss haben, und Geld (sei es nun privat, kommunal, oder öffentlich), nicht aber: Zeit. Denn,
Zeit ist zwar Geld, nach deren Credo, aber Geld ist deswegen noch lange nicht Zeit. Die Rezeption
eines Kunstwerkes erfordert jedoch von dem, der es nicht bloss registrieren will, sondern tatsächlich
'geniessen' (was immer das jetzt heissen mag) neben Hingabefähigkeit und sinnlicher Aufmerksamkeit
vor allem eines: Musse. Das nun aber bedeutet nicht nur Zeit als ein Quantitatives. Musse beinhaltet
auch Langsamkeit. Mit Freizeit hat sie nichts zu tun. (Freizeit ist lediglich ein Euphemismus für
Leerzeit und alles, was man mit dieser gerechterweise machen kann, ist, sie zu vertreiben, etwa durch
'Zerstreuung', griechisch/ englisch: 'sport'). Somit stehen die Exponenten einer neuen gesellschaftlichen
Elite vor dem peinlichen Paradoxon, dass sie zwar über die Mittel verfügen, mit denen man, nach ihrem
zweiten grossem Credo, alles übrige erlangen kann, Einfluss, Macht und Geld, und dennoch von einem
ganzen kulturellen Breich ausgeschlossen sind, der jedem Arbeitslosen offensteht: Kunst. - Banausen
erster Klasse. Aus diesem Dillemma hilft ihnen Konzeptkunst. Kunst für Leute, die keine Zeit haben;
in wenigen Sekunden erfassbar, beschreibbar und medial leicht vermittelbar. Es ist sicherlich nicht
historischer Zufall, dass der Anfang der Konzeptkunstströmungen mit dem Erstarken jener sozialen Gruppe
(nennen wir sie der Einfachheit halber das 'Managertum') zeitlich zusammentrifft. Freilich sind gerade
jene Kunstprodukte, die sich spekulativ solcher Zusammenhänge bedienen möchten, zum überwiegenden
Teil keineswegs deklarierte Konzeptkunst, eher: konzeptlastig. Im Einzelfall ist es auch durchaus
vorstellbar, dass der konzeptualistische Ansatz, der eine Art Grundbedingung für die Vermarktung in
der Sphäre des Managertums darstellt, einer inneren künstlerischen Notwendigkeit entspringt. Dass
diese aber in jedem Fall der unzähligen konzeptlastigen Kunstprojekte von heute gegeben sein sollte,
ist schlicht und einfach unglaubwürdig. Man braucht kein grosser Kunst- und Menschenkenner zu sein,
um die Vermutung wagen zu dürfen, dass der weitaus grösste Teil der Künstler, die sich solcher Mittel
bedienen oder stilistischen Trends anschliessen, einfach dem Futtertrog folgen, und wäre er noch so
bescheiden. Allein die Fatamorgana von Futter schafft Adepten. Demgegenüber wäre ein Insistieren auf
einem ernsthaften künstlerischen Ansatz reinste Blödmacherei; vom Schlage der Argumentation jener
Dilettanten, die aus Unbedarftheit jede Kontrolle über Werk wie Situation verlieren, um am Ende, egal,
was daraus resultiert, mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen: Genau das wollte ich. Natürlich
sind die Verhältnisse unerbittlich. Wer sich dem aktuellen sozio-kulturellen Druck nicht beugt, mag
sehen, wo er bleibt. (Würde Van Gogh heute um Leinwand und Farben bitten, damit er weitermalen kann,
es würde ihm nahegelegt: "Reichen Sie doch ein Projekt ein, beschreiben Sie Ihr Vorhaben darin
ganz genau, nebst einer detaillierten Kostenaufstellung über alle zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben.
Legen Sie vor allem auch dar, inwieweit Ihr Vorhaben auf das Jahresthema Bezug nimmt, das für heuer
lautet 'Der Mops in der Acryl-Malerei'.") Untermauert wird der Trend zum Konzeptualismus vollends
von Institutionen und kulturellen Unternehmungen, die mehr und mehr die ursprünglich frei verfügbaren
öffentlichen Gelder für Kunst verwalten und von den Künstlern 'Projekte' verlangen, womöglich noch,
wie angeschnitten, unter Vorgabe von Themen und Inhalten, aus denen nicht selten despotische Willkür
hervorlugt, die, mangels Widerstand mitunter bis zum Aberwitz gesteigert scheint; wie etwa jener Streich,
mit den ohnedies geringen Mitteln für das zeitgenössische Musikschaffen einer ganzen Region Berthold
Brechts hundertsten Geburtstag zu zelebrieren. Das Erschreckende daran ist, dass derartige, beinahe
zum Normalfall gewordene Absurditäten niemandem mehr auffzufallen scheinen und nicht die geringste
öffentliche Entrüstung hervorzurufen imstande sind. Generell aber muss gesagt werden, dass auch scheinbar
sachlich gerechtfertigte Themenvorgaben, dort, wo sie ins Totalitäre gehen, - wo das Kunstschaffen
etwa eines ganzen Landes, für ein ganzes Jahr unter das Diktat eines Themas oder Mottos gestellt wird
- in jedem Falle unstatthaft sind; eine Beleidigung des Kunstschaffens schlechthin; eine Attacke gegen
die Autonomie der Kunst und aus dieser Perspektive möglicherweise sogar verfassungswidrig. Die Künstler
einer Region, oder eines Landes sind keine Schulklasse, der man Aufgaben vorgeben muss. Und der bessere
Künstler ist diesbezüglich allemal der, der Kraft seiner Autonomie das Thema verfehlt. Der Begriff
des Projektes, der in solchem Kontext unaufhörlich strapaziert wird, deckt nach und nach alle tabuisierten
Bereiche, die mit dem Werk und mit künstlerischer Arbeit zu tun haben. Seiner ursprünglichen etymologischen
Bedeutung als der eines Entwurfes hat er längst entraten. Ein Projekt wird erstellt, das Projekt wird
vorgelegt und beurteilt, das Projekt wird ausgeführt und das Endprodukt ist nichts weniger als ein
Werk, sondern, dem einschlägigen Sprachgebrauch zufolge: eben das Projekt. Eine lückenlose Begriffsmauer,
die die Sphäre des künstlerischen Schaffens den Blicken derer entzieht, denen sie als nicht mehr von
Bedeutung suggeriert werden soll. Wenn also die heutige Auffassung von Projekt von Anfang an Beschreibbarkeit
und Vermittelbarkeit eines Inhaltes noch vor der künstlerischen Auseinandersetzung voraussetzt, die
solches zu leisten hätte - was ist ein 'Projekt' dann anderes, als die totalitäre Manifestation der
Idee des Konzeptes ? Mit einem schlichten 'Vorhaben' hat es nichts mehr zu tun. "Ich hoffe, in
den Tagen, die zwischen heute und Deinem Kommen liegen, noch das eine oder andere zu malen" (Vincent
van Gogh, in einem Brief an seinen Bruder Theo) würde als berücksichtigenswertes Projekt heute wohl
schwerlich passieren, selbst wenn hundertmal klar wäre, dass darin Werke von grösstem kulturellen
Wert angekündigt sind. Gerade dann nicht. In dem Masse, in dem nun die über Wohl und Wehe von Kunst
herrschenden Instanzen - und das sind beleibe nicht nur die Stellen, die finanzielle Mittel gewähren
können, sondern vor allem die unzähligen institutionellen Verwaltungsmonaden, die über die Zuteilung
von Raum und Gelegenheit bestimmen - von den Kunstschaffenden die Vorlage ausformulierter Projekte
verlangen, entsteht ein Spezialistentum von Projektemachern, die mit den Künstlern, die ursprünglich
gemeint sein mochten, im Wesentlichen nichts mehr zu tun haben. Ob jene in den Sachgebieten, die sie
dabei konzeptuell tangieren, tatsächlich künstlerische Kompetenz besitzen, ist längst kein Thema mehr.
Im Gegenteil: Mehr und mehr wird das Feld von Leuten annektiert, die von Berufs wegen besser geeignet
sind, Projekte zu formulieren und attraktiv zu gestalten: Werbegrafiker, Designer, Architekten. Im
demselben Masse findet ein Wandel in den ursprünglichen Sachgebieten, beziehungsweise eine Verlagerung
statt. Es geht nicht länger um tradierte Kunstdisziplinen, wie Skulptur, Malerei, Musik und dergleichen.
Vieldeutige Bereiche, wie Performance und Installation treten an deren Stelle, gestützt durch einen
Schwarm leerer Schlagworte, wie multimedia, realtime, interaktiv. Durchaus aggressiv reagieren dabei
die Protagonisten der absichtlich diffus gehaltenen Disziplinen - darunter auch Überläufer, die noch
schnell auf den fahrenden Zug aufspringen wollen - auf Künstler, die auf den überlieferten Disziplinen
insistieren. Die Standardfloskel dabei lautet fast immer "es hat doch keinen Sinn, einfach nur
...." : "es hat doch keinen Sinn, einfach nur Bilder an die Wand zu hängen"; "es
hat doch keinen Sinn, einfach nur ein Tonband im Konzert zu spielen" - verschärft durch Schmähungen
a la "Soetwas schaut (oder hört) sich doch heute keiner mehr an", in denen selbstverständlich
genau das faschistoide Zwitterwesen aus Prophezeihung und Drohung wieder durchschlägt, das hier bereits
angeschnitten wurde. (Man vergisst leider zu leicht, dass die faschistischen Bewegungen aller Zeiten
auf Fortschritts-Ideologie basierten. So wurden die 'entarteten Künstler' im Dritten Reich nicht etwa
deshalb verfolgt, weil sie zu modern waren, sondern weil sie den faschistischen Fortschrittsideologen
als dekadent, als veraltet galten. Und hier wie dort wird das banale Ressentiment der irregeleiteten
Massen gegen Dinge, die sie nicht verstehen wollen und dürfen, als Rechtfertigung für die Euthanasieanmassung
vorgeschoben). Künstler, die dessen ungeachtet in einer der fundamentalen traditionellen Sparten weiter
wirken wollen, machen daher immer häufiger die Erfahrung, dass von den vielen Institutionen einer
nahezu lückenlos institutionalisierten Kultur plötzlich keine mehr für ihren Bereich zuständig sein
will, während die öffentlichen Stellen ebenso plötzlich leider kein Budget mehr dafür haben wollen,
sofern die betreffenden Ressorts nicht überhaupt aufgelöst wurden. Von unvermeidbaren Einsparungen
ist da allerorten die Rede. Zur selben Zeit aber boomt die Projektemacherei. Es gibt die Millionen
leider nicht mehr, könnte man sagen, es gibt nur noch Milliarden. (Ein Maler, der einen Nagel benötigt,
um ein Bild daran aufzuhängen, projektiert heute am besten ein neues Museum, sonst bekommt er auch
den Nagel nicht).
REALITÄT
Als vor einigen Jahren eine Musik-Performance für Aufsehen sorgte, bei der die Laufzeit eines Radarsignales,
das von der Erde ausgesendet und vom Mond reflektiert werde, die zeitliche Verzögerung von Klangelementen
besorgte, erschöpfte sich die Kritik der Leute von Fach darin, dass sie einen Schwindel vermuteten;
dass die besagte Zeitverzögerung von kaum drei Sekunden 'in Wirklichkeit' durch simple Delays bewerkstelligt
worden sei, wie sie seit fünfzig Jahren einen Standard in der elektrifizierten Musik aller Art darstellen.
Die breite Öffentlichkeit dagegen zeigt solcher Düpierung gegenüber, sofern sie überhaupt davon Notiz
nimmt, nicht einen Anflug von Entrüstung. So bedenklich das einerseits ist, so konsequent ist es auf
der anderen Seite. Der konzeptuelle Ansatz erweist sich, was längst zu vermuten war, als echtes Kind
des Dokumentarismus. Das Konzept genügt sich selber. Es ist einerlei, mit welchen Mitteln seine Proposition
schliesslich erfüllt wird und ob sie überhaupt erfüllt wird. Das Konzept ist die Realität, gegenüber
der seine Durchführung zur Dokumentation sich degradiert sieht. Der Unterschied zu den Auswüchsen
des Dokumentarismus in der medialen Berichterstattung liegt lediglich in der Umkehrung der Reihenfolge
von Medien-Realität und Ereignis. In jener Sphäre, in welcher die Gestaltung der Dokumentation produktionstechnisch
völlig losgelöst ist von den Ereignissen, die es zu beschreiben gilt, besteht ein Zusammenhang zwischen
den beiden getrennten Bereichen nur in dem dünnen Faden an journalistischer Ethik der Redaktionen,
auf die sich zu verlassen allerdings bereits seit hundertzwanzig Jahren als nicht ratsam gilt. Vom
Standpunkt des Medienhandwerkes aus betrachtet, ist es aber nicht allein sinnvoll, einen Bericht,
etwa über Kriegsereignisse, aus Archivaufnahmen zu montieren, - es gibt gar keine andere ernstzunehmende
Möglichkeit. Dem Redakteur geht es darin nicht anders, wie dem Geräuschemacher beim Film, der, um
eine Sache akustisch zu illustrieren, alles eher verwendet als die originalem Geräusche der Sache
selber. (Demgegenüber sind die immer wiederkehrenden Versuche einer akustischer Authentizität etwa
im Film hoffnungslos manieristisch, weil sie vom ersten Moment an den Gesetzen des Dokumentarismus
verfallen. Der wirksamste 'o-ton' ist auch hier der konstruierte). Die konservative Kritik an solchen
dokumentaristischen Methoden, als einem ethisch bedenklichen Umgang mit Realität, schlägt aber allein
deshalb fehl, weil sie die Möglichkeit einer abbildhaften Dokumentation als Alternative unterstellt
und damit genau der Ideologie sich unterwirft, deren Methoden sie zu kritisieren vorgibt. Die einzig
zielführende Kritik wäre die am Dokumentarismus als Ganzem: gegen dessen Vertreter, die, wider besseres
Wissen, den Mythos vom Abbildcharakter von Dokumentation still gewähren lassen, wenn nicht sogar pflegen;
und gegen eine Gesellschaft von Medienhörigen, die selbst dort, wo eigenes Erlebtes und Dokumentation
davon nachvollziehbar auseinanderklaffen, an der Abbildhaftigkeit festhalten als dem bequemer zu Denkenden.
In analoger Umkehrung wäre es geradezu widersinnig und medientechnisch unprofessionell, um eine kecke
konzeptuelle Prämisse zu dokumentieren, die ihre Realität in sich zu haben hat, den Aufwand grosser
Radar- oder Laseranlagen zu betreiben für einen bescheidenen Effekt, der jedem heutigen Musikdillettanten
zur Verfügung steht. Hinausgeworfenes Geld. Weniger bedenklich, als vielmehr ekelhaft an derlei Konzepten,
deren es im Bereich der medialen Performance unzählige gibt, sei es nun, dass ein Radarsignal Erde-Mond
strapaziert wird, oder eine Telefonleitung Graz-NewYork, ist die Art Protektionismus, die darin ihren
unverholenen Ausdruck findet - astronomischer Protektionismus in dem einen Fall, urbaner in dem anderen
- um jede sinnlich-formale Kritik von vorneherein auszuschalten. Ob die, so oder so bewirkte, Zeitverzögerung
(eine von Myriaden, die den Künstlern nach freier Wahl zu Gebot stehen) auch künstlerisch immanent
sinnvoll ist, steht gar nicht erst zur Debatte. Derartige, konzeptualistisch abgesicherte Parameterwerte
geben sich sakrosankt. Gegen die Entfernung Erde-Mond, oder auch nur Graz-NewYork, lässt sich schlechterdings
nichts einwenden. (Zu wünschen bleibt, dass alle künftigen, nach solchem Muster gestrickten Projekte
zum Zwecke der Zeitverzögerung den Andromedanebel anpeilen).
© Günther Rabl 2000
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