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Im Mai 2001 gab es auf meine Initiative ein Gespräch einiger Musikschaffender aus
Niederösterreich mit Vertretern der Kulturabteilung der niederösterreichischen Landesregierung.
Vorrausgegangen war dem ein Rundschreiben meinerseits zur Situation des zeitgenössischen
Musikschaffens im Lande. Darin ging es ausnahmsweise einmal nicht um kulturelle, sondern um
wirtschafltiche Belange. Die zentralen Themen waren: Wettbewerbsverzerrung, unlauterer Wettbewerb,
verdeckte Zensur und dergleichen mehr. In dem Gespräch zeigte es sich, dass die Ansichten über
wichtige Punkte auf beiden Seiten grundsätzlich nicht so verschieden sind und man verblieb so, dass
von Seiten der Musikschaffenden möglichst rasch konkrete Forderungen einzubringen seien. Den Sommer
über versuchte ich, einen diesbezüglichen Entwurf auszuformulieren, der allen Beteiligten zur
Stellungnahme unterbreitet werden sollte. Bei der Beschäftigung damit eröffneten sich mir die
verschiedensten Perspektiven - eine aussichtsloser und depremierender als die andere. Die Forderungen
jedenfalls, die zu stellen wären, sind so selbstverständlich, dass alleine der Umstand, dass man sie
überhaupt nennen muss, zu einer ersten Schwäche jeder Argumentation würde. Es bedürfte einer
weiter ausholenden Vorarbeit.
Der Legitimationsdruck gegenüber zeitgenössischer Musik (wie gegenüber zeitgenössischer Kunst
überhaupt), ist heute unverholen ein wirtschaftlicher. Und das ist eine Farce, zumal in einer Kultur,
die zum Grossteil auf öffentlichen Mitteln basiert. Dreht man den Spiess aber einmal um und
untersucht die wirtschaftlichen Voraussetzungen des zeitgenössischen Kunstschaffens, so zeigen sich,
vor allem im Bereich der Musik, Diskriminierung und Ausbeutung in einem Ausmass, das jede weitere, vor
allem kulturelle Diskussion lächerlich macht. Was mich letztlich davon abgehalten hat, solchen
Gedanken weiter nachzugehen, ist die Erkenntnis: Wenn man zu einem Spiel gezwungen ist, das man nicht
spielen will, so ist die wohl untauglichste Beschwerde, dass die die Regeln nicht einhalten, die einem
das Spiel aufnötigen.
In einem Land, in dem etwa Blasmusik mit hundert Millionen jährlich gefördert wird und
zeitgenössische Musik praktisch gar nicht, braucht man sich mit dem impliziten Vorwurf, dass
zeitgenossische Musik nicht so populär sei wie Blasmusik, nicht weiter beschäftigen. Daraus aber
Forderungen zu entwickeln, wäre geradezu fatal. Selbst, wenn der Beweis gelänge, dass bei gleicher
Förderung zeitgenössische Musik im Allgemeinen so populär werden kann wie Blasmusik, so ist doch
noch lange nicht ausgemacht, dass soetwas erstrebenswert ist. Und was, wenn sich herausstellet, dass
es dann noch immer zeitgenössische Musik gibt, die durch den Rost fällt ? Wäre das dann ein
letzter, endgültiger Wertmasstab ? Dann hätten wir die 'entartete Musik' endlich exakt definiert -
nach den Massstäben einer Wirtschaftsgesellschaft, in der nur mehr ein einziges Menschenrecht Geltung
hat: das Recht, seinen Mitmenschen zu übervorteilen. Aber auch dieses Spiel ist in Wirklichkeit, mit
aller zum Spiel gehörenden Verlogenheit, ja längst im Gang. Auch davon gilt es sich zu distanzieren.
Wenn man einer Sache nicht auf den Grund kommt, so hilft bisweilen, eine teleologische Perspektive
einzunehmen und die simple Frage nach dem 'cui bono' zu stellen: Wem nützt eigentlich die notorische
Missachtung und Geringschätzung (samt deren Kehrseite, der medialen Überschätzung in einzelnen
Fällen) des zeitgenössischen Musikschaffens ? Wer hat etwas davon ? Man könnte Personen,
Personenkreise, Institutionen einzeln durchgehen und regelrecht Strichlisten anfertigen - das Ergebnis
wäre unappetitlich, aber verblüffend. Daraus liesse sich, unter dem Schlagwort 'Umwegrentabilität',
sogar ein erheblicher wirtschaftlicher Aspekt des zeitgenössischen Musikschaffens konstruieren, wo
man ihn am allerwenigsten vermutet. Wirtschaftliche Argumentation ist aber nun einmal nicht angesagt
und das gilt auch für unappetitliche.
Eine andere Methode ist die, das Wesen von Institutionen, denen man nicht auf den Grund kommt, in
ihrem Widerspruch zwischen Praxis und Selbstdarstellung aufzuspüren - in diesem Fall also aller
Institutionen, die sich mit zeitgenössischer Musik befassen, sich damit zu befassen vorgeben, sich
damit befassen wollen, damit befassen müssten oder damit befassen könnten. (In dieser,
knappest-möglichen Formulierung steckt eigentlich bereits die ganze Problematik). Die Methode ist
nicht leicht. Wenn aber der erste Ekel einmal überwunden ist, eröffnen sich völlig neue
Perspektiven, zwar nicht für Musik, aber doch für die Kenntnis der Welt.
Die erwarteten Forderungen sind meinerseits also nach wie vor nicht ausformuliert und es wäre zum
gegenwärtigen Zeitpunkt auch vergebliche Mühe. Stattdessen gibt es nun Kritiken einiger
niederösterreichischer Institutionen, die im Zuge dieser Arbeit als 'Demontagen' entstanden
sind.
Manche zeigen noch den Charakter der ursprünglichen Zielsetzung und wirken daher mehr oder weniger
polemisch. Insgesamt haben sie sich aber verselbständigt und sind an den ursprünglichen Zweck, die
katastrophale Situation des zeitgenössischen Musikschaffens in Niederösterreich zu verbessern, nicht
länger gebunden. Sie stehen für sich.
Das Weichbild der Kulturpolitik ist für den wahren Gelehrten mindestens so studierenswert, wie das
Liebesleben der Maikäfer. Man muss nichts damit bezwecken. Es ist schön, Gesetzmässigkeiten zu
finden.

© Günther Rabl 2001
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
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