DEMONTAGEN :: Günther Rabl

SPLITTER

Es wäre nicht so schwer, die massgebenden Stellen davon zu überzeugen, dass neue Dörfer gebaut werden müssen. Man muss aber realistischerweise damit rechnen, dass Potemkin den Auftrag erhält.

Die Beurteilung von Kunst sollte man nicht dem Geschmack des Publikums und nicht der Wertvorstellung von Geschäftemachern überlassen, aber schon gar nicht der Wertvorstellung des Publikums und dem Geschmack von Geschäftemachern.

Die Förderung von Künstlern zur Teilnahme an Veranstaltungen, die sich deren Teilnahme nicht leisten können oder wollen, sollte über einen realistisch kalkulierten Spesenersatz nicht hinausgehen.

Wenn Eigenlob 'stinkt', wie riecht dann Medienlob ?

Das Kunstschaffen legitimiert sich nicht durch ein wie immer geartetes Verhältnis von Angebot und Nachfrage und es definiert sich nicht nach irgendeinem Tauschwert.

Man mache einmal den Versuch und ziehe vom Repertoir der österreichischen Musik - von der Wiener Klassik an, auf die wir der Welt gegenüber so stolz sind, bis heute - alle Werke ab, die, wie man so schön sagt 'für die Schublade' komponiert wurden, also ohne äusseren Auftrag und ohne jede konkrete Aussicht auf Aufführung: Schubert könnten wir uns abschminken, Bruckner, Schönberg, Webern, grosse Teile von Mozart und Beethoven; und nicht zuletzt den besten Teil der ernstzunehmenden Musikproduktion von heute (auf die wir morgen der Welt gegenüber so stolz sein werden). Angesichts dieser trivialen Tatsache sind Förderungsgepflogenheiten gelinde gesagt unverständlich, in denen man von den Musikschaffenden erwartet, dass sie sich noch vor Beginn einer künstlerischen Auseinandersetzung um die kurzfristige Verwertung bemühen.

Die Beziehung von Musikschaffenden und Musikveranstaltern ist ihrem Wesen nach die von Kontrahenden. Schön, wenn es gemeinsame kulturelle Ziele gibt und gegenseitige fachliche Wertschätzung, aber das kann man nicht voraussetzen. Wir haben es hier mit Interessensgegensätzen zu tun, die so fundamental sind wie die zwischen Produzent und Händler. Das ist an sich nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn man diese Interessensgegensätze ignoriert und so tut, als wollten alle ungefähr das gleiche.

Die Geschichte der zeitgenössischen Musik ist eine Geschichte von inszenierten Misserfolgen.

Allenthalben wird man mit Ansichten konfrontiert - wie die vor kurzem in einer lokalen Wochenzeitung zu lesenden - man brauche heute "niemanden mehr, der zur Musik eine Installation macht, sondern das macht alles der Computer". (Und den kann sich bekanntlich jeder im Supermarkt kaufen). Natürlich sind dergleichen alberne Gemeinplätze Wasser auf die Mühlen einer allgemeinen kritiklosen Technologiegläubigkeit, die so tief verwurzelt ist und so vehement medial genährt wird, dass es schon regelrechter Aufklärungscampagnen bedürfte, um nur ein halbwegs nüchternes Verständnis für die wirklichen Einsatzmöglichkeiten und die Grenzen von Technologie zu erreichen. In Wirklichkeit ist der Punkt, an dem sich die Geister scheiden, nämlich die Laien (auch die beschäftigten) von den Professionalisten (auch den arbeitslosen) die sinnliche Umsetzung von Klang im Raum. Auch wo die Musik zur Gänze 'aus dem Computer' kommt, und gerade dort, bedarf es einer akustischen Inszenierung: einer Lautsprecherinstallation, die orchestralen und skulpturellen Charakter haben kann und einer Klangregie, die eine eigene künstlerische Disziplin darstellt, ohne die auch die technologisch avancierteste Performance das ästhetische Niveau eines Bierzeltfestes nicht übersteigt.

Seiten könnte man füllen damit, dass und wie das gegenwärtige Musikschaffen zu fördern sei; es liessen sich Argumente bringen, gute, ernsthafte Argumente für die kulturelle Bedeutung zeitgenössischer Musik - nicht bloss für das Musikleben selbst, sondern weit darüber hinaus. Sachlich könnte eine Debatte darüber geführt werden, oder auch polemisch, satirisch oder zynisch. Man könnte auch völlig 'bei Null' beginnen und die Frage aufwerfen, ob das Kunstschaffen überhaupt gefördert werden muss und diese Frage aufrichtigerweise einmal mit Nein beantworten, um davon ausgehend Schritt für Schritt in aller Bescheidenheit die Notwendigkeit einer Pflege kultureller Tatsachen zu deduzieren bis zu dem Punkt, dass man gegenwärtig doch nicht umhinkommt, das Kunstschaffen und somit auch die zeitgenössische Musik angemessen mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Ich fürchte nur, es würde alles nichts nützen gegenüber einem einzigen Einwand, an dem schlechterdings keine Argumentation mehr greift: Wir haben leider kein Geld dafür.
Oft und oft müssen Kunstschaffende, die auf Produktionsmittel oder sogar Existenzmittel angewiesen sind, diesem lapidaren Einwand nachgeben. Oft ist er das Ende einer gerade beginnenden Unternehmung oder der Anfang einer kräfteraubenden Odyssee an Finanzierungsmanagement, das den Kunstschaffenden zusätzlich wie selbstverständlich aufgebürdet wird. Es entsteht der Eindruck als lebten wir geradezu in der grössten kulturellen Dürreperiode seit Menschengedenken - dem Zeitalter des Sparpaketes (vormals Wassermann).
Erstaunlich daran ist nur, dass dennoch kulturelle Monsterprojekte, mit und rund um Kunst, mit Milliardenaufwand zur Zeit wie Pilze aus dem Boden schiessen. Darauf zu verweisen nützt aber noch weniger, im Gegenteil: diese Unternehmungen hätten dermassen viel verschlungen, nun gebe es eben gar nichts mehr. Übrigens jedesmal. Somit bleibt uns nur der alttestamentarische Trost, dass die Linie, die nur mehr den Fluch erntete, weil der Segen - zurecht oder zuunrecht - bereits vergeben war, dennoch zum Träger einer Weltkultur wurde.

Zu allen Zeiten gibt es in der Musik Kräfte, die ihre Entwicklung vorantreiben und manieristischer Erstarrung entgegenwirken. Zeitgenössische Musik - als ein Experimentelles - hat es immer schon gegeben und kein ernstzunehmendes Musikwerk ist je anders geschaffen worden als zeitgenössisch. Zeitgenössisch Musik ist keine Stilrichtung und die Hörer von zeitgenössischer Musik sind keine Fangemeinde, wie es konservative und populistische Geschmacksdemagogen gerne darstellen. Das 'Zielpublikum' für zeitgenössische Musik ist demnach das potentielle Publikum für Musik und akustische Kunst überhaupt.

Alles Musikschaffen hat zwei Wurzeln: Improvisation - das Finden im Moment, und Komposition - das Aneinanderfügen von Elementen ausserhalb des Zeitflusses. Sie sind ohne einander nicht zu denken. Wer nicht improvisieren kann, kann auch nicht komponieren und wer nicht komponieren kann, kann auch nicht improvisieren. So einfach ist das. Die Frage, was von beiden Priorität habe, ist so müssig, wie die Frage nach der Priorität von Henne oder Ei. Beides, Improvisation und Komposition, entspricht nicht dem, was man sich trivialerweise darunter vorstellt. Stilistische Improvisation, wie im traditionellen Jazz und in verschiedenen ethnischen Musikstilen etwa, ist zerkrümelte Komposition. Inspirative Komposition ist breitgetretene Improvisation. (Deshalb sind auch im Jazz nur die Soli von wirklichen Meistern erträglich, die am Instrument auch kompositorische Kraft bewähren. Alles andere dagegen grenzt an Sport oder Notdurft). Keinesfalls aber ist die Wurzel der Musik das kommerzielle Musikantentum, wie es zur Zeit von einem neuen Populismus propagiert wird. Das kommerzielle Musikantentum ist ein Aufgesetztes. Seine Wurzel ist die Erkenntnis, dass man mit einer Masche Geld verdienen kann.
Jeder Musikschaffende hat zudem seine persönlichen Wurzeln, die ihm der Zufall beschert hat. Für Schubert mag es die Welt der Landler gewesen sein, für Schönberg eine Art Schuhplattler, die man auch der rhythmischen Struktur seiner Kammermusik noch anmerkt. Für heutige Generationen Musikschaffender liegen die Wurzeln vielfach überhaupt nicht in irgendwelchen musikantischen Sphären, sondern in der Sphäre von Rundfunk und Fernsehen, neuerdings auch dem Netz. Davon müssen wir ausgehen. Das gilt es zu überwinden, wenn wir Musik schaffen wollen. So wie man Schuberts grosse Kompositionen als Überwindung der Landler ansehen kann, oder Schönbergs Werke als Überwindung der Schuhplattler, so basiert unsere heutige grosse Musik auf der Überwindung von Radio- und Netzwerkmusik.

Es ist schön, wenn man zu einer Musik tanzen kann und es ist auch nicht zu verachten, wenn man zu einer Musik essen und trinken kann und sich unterhalten. Musikstile aber, die sich über Begleitumstände definieren, sei es nun 'Tanzmusik', 'Tafelmusik' oder 'Unterhaltungsmusik', ist definitiv nicht von erstem Rang.

Der neue Populismus beruft sich gerne auf eine ursprüngliche Einheit von Klang und Bewegung, von Musik und Tanz und erntet damit breite Zustimmung wie nur jede plausible Trivialität. Natürlich gibt es so eine ursprüngliche Einheit. Sie besteht aber nicht darin, dass ein paar Musik spielen und ein paar andere dazu tanzen. Und schon gar nicht darin, dass die, die tanzen, dafür bezahlen, während die, die spielen, dafür bekommen (abzüglich der Honorare der Gelegenheitsmacher, die den deal vermitteln).

Überhaupt muss sich die 'erste Muse' offenbar jede Unterstellung gefallen lassen. Kein Mensch erwartet ernsthaft von einem Ballett, dass die Leute mittanzen oder dazu singen; oder vom Theater, dass das Publikum mitspielt. Selbstverständlich gibt es auch solche Formen, aber niemand, mit Ausnahme von ein paar Fanatikern vielleicht, käme auf die Idee, daraus ein kulturelles oder qualitatives Kriterium für Tanz und Theater zu machen. Im Bereich der Musik gibt es alles. Es gibt Tanzmusik, Wanderlieder, Marschmusik, love songs, working songs, Kuschelrock, Karaoke - und weiss der Teufel was noch alles.

Eine sattsam bekanntes Phänomen ist die interdisziplinäre Unbildung unter den mit Kunst befassten Personen, schaffenden wie vermittelnden. Leute aus der bildenden Kunst, aus der Literatur oder vom Theater haben häufig keine blasse Ahnung von Musik. Personen, die diesbezüglich in ihrem Metier geradezu der Avantgarde zuzurechnen sind, bewähren in Sachen Musik häufig einen trivialen und banalen Geschmack, hängen irgendwelchen stilistischen Trends oder mainstreams nach. Umgekehrt haben natürlich auch die Fachleute aus dem Bereich der Musik vielfach nicht die geringste Ahnung von den wirklichen Entwicklungen in den anderen Disziplinen und beziehen ihr ausserfachliches Weltbild aus den zweifelhaften Darstellungen diverser Massenmedien. Diese interdisziplinäre Unbildung geht so weit, dass in der Regel auch Personen, die sich innerhalb einer der grossen Disziplinen stilistisch spezialisiert haben, vom Rest ihres Gebietes nur vage Vorstellungen nach falschen Analogien und einseitiger Medieninformation haben.
Es sei daher dringend empfohlen, wichtige Sachgebiete, in diesem Fall zeitgenössische Musik von hier und jetzt, nicht an andere Bereiche anzuhängen. Es entstehen dabei fast notwendig schiefe Perspektiven, sowohl für die Schaffenden, als auch für das Publikum, die langfristig eine kulturelle Verödung und Monotonie durch medialen mainstream zur Folge haben. Genausowenig sollte man stilistischen oder historischen Spezialisten die Verantwortung für eine ganze Disziplin übertragen. Leuten vom Theater oder vom Tanz zum Beispiel sollte man besser keine musikalische Programmgestaltung überlassen; Fachleute auf dem Gebiet der Barockmusik oder des Jazz zum Beispiel nicht die Verantwortung für zeitgenössische Musik übertragen.
Ebenso wäre darauf zu achten, dass neben den künstlerischen und kunstgewerblichen Disziplinen, die unter anderem Musik benutzen (und das sind viele), die autonome Musik selbst nicht zu kurz kommt. Wie allgemein mit Musik umgegangen wird, beispielsweise im Film, beim Theater oder im Medienkunstgewerbe, ist schlicht und einfach eine Katastrophe - und das nicht nur ästhetisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Funktion, sowie ihrer Einbindung in den Produktionsprozess.

Wenn ein 'Verein der Freunde der Maikäfer' beispielsweise Förderungen für Massnahmen zur Arterhaltung und zum Schutz der Maikäfer bekommt, so sollte man vorsichtshalber doch nachprüfen, ob damit nicht vielleicht deren Ausrottung betrieben wird. So abwegig ist die Vorstellung nämlich nicht. Falsche Deklarationen in der Förderungswerbung sind auf allen Gebieten gang und gäbe und auch das Verkehren von ursprünglichen Zielsetzungen in Vereinen und Institutionen ist kulturpolitischer Alltag.

Enthusiasten auf einem Gebiet der Kunst sollen Salons abhalten, aber keine öffentlichen Veranstaltungen. Im Salon dürfen sie ihrem individuellen Geschmack (der ja auch gut sein kann) fröhnen, können darbieten was sie wollen und einladen wen sie wollen. Hat nun ein Salon grössere kulturelle Bedeutung, so kann man durchaus auch eine Förderung mit öffentlichen Mitteln diskutieren. Das müsste dann eine eigene 'Salonförderung' sein, die die Mittel für das Kunstschaffen nicht antastet. Anders verhält es sich mit öffentlichen Veranstaltungen, insofern sie nicht rein kommerziell durchgeführt werden. Hier muss es inhaltliche Richtlien geben und eine inhaltliche Kontrolle, sowohl im einzelnen Fall, als auch hinsichtlich allgemeiner vereinbarter Zielsetzungen.

Dem Barbaren sind die Bienen nicht geheuer. Ihrem, in seinen Augen an Dummheit grenzenden Fleiss misstraut er zutiefst. Insgesamt empfindet er sie als lästig und bedrohlich. Wenn daher endlich die Waben voll sind, räuchert er den Stock aus und nimmt den Honig.

Wenn ein Künstler in Geldnot einen Job annimmt um überleben zu können, zum Beispiel als Buchhalter, dann ist seine Buchhaltung deswegen doch nicht gleich Kunst. Ebensowenig ist es Kunst, wenn Künstler irgendwelcher Sparten mangels Aufträge in ihrem eigentlichen Metier kreativ-kulturelle Aufgaben übernehmen - und zwar auch nicht dann, wenn sie sich diese selber ausdenken und von sich aus anbieten.

Über Kunst ist von Leuten, die ihr gelegentlich über den Zaun schauen dürfen, schon viel gefaselt worden. Bezeichnenderweise fehlen dabei notorisch die allereinfachsten, banalsten Aspekte - zum Beispiel diese:
#1 Der Künstler ist ein Handwerker, der selber weiss, was er zu tun hat.
#2 Kunst ist ein Naturprodukt.

Kultur wird nicht geschaffen. Kultur wächst, lebt und stirbt. Man kann sie pflegen, fördern, auch behindern - aber nicht schaffen. Kultur ist, um es pointiert auszudrücken, wenn das Brot gut und wohlfeil ist.
Wenn Kultur im diesem Sinn gemeint ist, dann ist "Volkskultur" ein Pleonasmus: Kultur ist immer "Volkskultur", alles andere wäre kulturelle Diktatur (das hatte man hier schon einmal). Wenn aber damit auch so etwas wie "Volkskunst" gemeint sein soll, kommen mir seltsame Gedanken: Sobald einer etwas mehr von einer künstlerischen Disziplin versteht, ist das dann nicht mehr Volkskunst ? Wird der Kundige vom Volk ausgeschlossen ? Warum ist die Musik, die ich schaffe, nicht Volksmusik ??

Tourismus ist Landschaftsprostitution, wie wir alle wissen. Im Gegensatz zur Prostitution des Körpers aber, gehört der Gegenstand der Prostitution auch im Idealfall nicht denen, die ihn feilbieten. Im Tourismus gibt es nur Zuhältertum. Tourismus hat noch jede Region kulturell ruiniert, wie wir ebenfalls alle wissen. Sich vom Tourismus eine 'Belebung der Region' zu erwarten, kann daher kaum als Naivität gewertet werden, bestenfalls noch als Zynismus, am ehesten aber als Blödmacherei.
Tourismus ist ausserdem, wie wir alle wissen sollten, die andere Seite der Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit. (Es gibt zwei Arten von Fremden: die, die zahlen, und die, die nicht zahlen. Die zahlen, sind als 'Touristen' willkommen, die nicht zahlen, werden abgeschoben). Mehr noch: Im Tourismus wird die Fremdenfeindlichkeit (die Feindseligkeit gegen alles 'Fremde') entnationalisiert und somit auf den Punkt gebracht: in touristischen Regionen sind auch Einheimische unerwünscht, die sich an der Exploitation weder aktiv noch passiv beteiligen wollen, sie werden zu 'Ausländern' zweiten Grades.
Es gibt somit keinen Grund, Tourismus in irgendeiner Form auch noch zu fördern, schon gar nicht aus Kultur- oder Kunstbudgets. Von Kunstschaffenden einer Region zu erwarten, dass sie dem Tourismus förderlich sein sollen, wie das gelegentlich anklingt, wäre schlicht und einfach: infam.

Neue Medien:
Um ein traditionelles Musikinstrument zu erlernen, egal welches, brauchst du acht Jahre. Um Computermusik zu erlernen, egal mit welchen Programmen, brauchst du acht Jahre. Mit jedem Wechsel zu neuen, besseren Programmen erleidest du einen Rückschlag von zwei Jahren. Wenn du nun alle zwei Jahre zu neuen, besseren Programmen wechselst, erlernst du Computermusik nie. Pech gehabt. Das elektronische Medium ("die elektronischen Medien" gibt es nicht) ist ungefähr 80 Jahre alt. Das digitale Medium ("die digitalen Medien" gibt es nicht) ist ungefähr 60 Jahre alt. Mit den "neuen Medien" dürfte es sich somit ähnlich verhalten, wie mit der "neuen Musik": diese wurde in den Fünfzigerjahren definiert und gilt seither und in alle Ewigkeit als neu.

In einem kleinen Land wie Österreich, wo man Willkür und Despotismus von Beamten und Funktionären (das monarchistische Erbe) so hautnah erleben kann, ist man leicht verleitet, in jedem einzelnen Fall ein individuelles Problem zu sehen, diverse Misstände mit einzelnen Personen zu identifizieren und seine Zeit mit kulturpolitischem Geplänkel zu vergeuden - sofern man nicht den Ehrgeiz hat, sich selber ein kleine Nische in diesem System zu erobern.
Gerade jetzt aber, am Ende einer Übergangsphase, in der eine ältere Generation von Kulturbeamten und Kunstvermittlern von einer, in ihrer ethischen und kulturpolitischen Verantwortungslosigkeit viel skrupelloseren, jüngeren abgelöst wurde, sodass das Chaos an unkontrollierter Eigennützigkeit eigentlich insgesamt pluralistische Züge annehmen müsste, zeigt sich überraschenderweise erst recht, dass das Ganze unverkennbar eine nachvollziehbare Tendenz besitzt.
Das heisst: man kann diesen Haufen gesinnungsloser Desperados und Apparatschiks, die sich da auf jede erdenkliche Weise und unter allen möglichen Vorwänden kulturpolitischen Einfluss verschaffen, in seinem Zusammenwirken durchaus als Regime begreifen.

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© Günther Rabl 2001
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