DEMONTAGEN :: Günther Rabl

GLATT UND VERKEHRT

"Wirkliche, echt Volksmusik könnte weder entstehen noch bestehen, wäre sie nicht (...) durch spontane, inspirierte Improvisation hervorgebracht. Es ist allgemein bekannt, dass Schubert gerne Walzer und andere Tanzweisen improvisierte, wenn seine Freunde tanzen wollten. Es scheint unglaubwürdig, dass wahrhafte Volksmusik durch mühselige Aneinanderfügung von Tönen und kleinen Tonfolgen 'gemacht' worden ist. Sie ist von Barden, Troubadouren, Volkssängern und anderen begabten Personen singend und spielend improvisiert worden. Arnold Schönberg, Stil und Gedanke" steht als Motto über dem Editorial im Programmheft zum Festival 'Glatt und Verkehrt'.
Es ist nicht ganz ersichtlich, weshalb ein - laut Editorial - sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Festival für ' wirkliche, echte Volksmusik' einer ideologischen Absicherung bedarf, noch dazu, indem man Arnold Schönberg gegen sich selbst zitiert. Schönbergs unglückliche Formulierung stammt aus einem Aufsatz, in dem er eine 'unüberbrückbare Kluft' zwischen Volksmusik und Kunstmusik aus deren grundsätzlichen Parallelen herzuleiten versucht. Aus dem Zusammenhang gerissen, wird der Eindruck vermittelt, als solle idealistisch verklärtes Musikantentum gegen verächtliches konstruktives Schaffen ausgespielt werden. Geradezu niederträchtig wirkt es aber, ausgerechnet Franz Schubert in solchem Zusammenhang zu strapazieren, der bekanntlich nicht das Geld hatte, sich eine Eintrittskarte für eine 'begabte Person' wie Paganini zu kaufen, weil er seine Nächte unbezahlt damit zubrachte, mühevoll (nicht 'mühselig') Tonfolgen aneinanderzufügen, für die er - vermutlich auch bei den Programmgestaltern von 'Glatt und Verkehrt' - auch heute noch berühmt ist. Ob er, der als 'Schwammerl' vom Wohlwollen seiner Freunde existentiell abhängig war, denen tatsächlich immer 'gerne' zum Tanz aufgespielt hat, wollen wir lieber dahingestellt lassen. Es spicht jedenfalls nicht sonderlich für Schönbergs Kenntnis des Musikantentums, wenn er dessen Wesen so lapidar spontan und dessen Verhältnis zum Publikum so lapidar konfliktlos gesehen hat, wie im isolierten Zitat der Eindruck entsteht.
Bleibt noch die Frage, für wen dieses Zitat eigentlich lanciert wurde. Für das Publikum ? Auf dessen trivialen Antiintellektualismus Musik gegenüber könnte man sich auch so verlassen. Über nichts ist es bekanntlich so sehr im Unklaren, wie darüber, wie Musik entsteht. Und nichts muss für die Projektion von Spontaneität und Lebendigkeit, die dem eigenen Alltag mangelt, so sehr herhalten, wie Musik, und wäre es das perfideste Machwerk, das durch spekulatives (nicht 'mühseliges') Aneinanderfügen von Tonfolgen Unmittelbarkeit vortäuscht.
Oder dient das Zitat als Motto zur Beruhigung der Subventionsgeber und Förderer des Festivals ? Diese könnten nämlich durchaus an die Programmgestalter (der Konzertveranstalter der Kunsthalle Krems, der Musikkurator des Donaufestivals und ein Rundfunkredakteur) die berechtigte Frage richten, wie es denn um deren Verantwortlichkeit für das zeitgenössische Musikschaffen des Landes bestellt ist. Auch Schubert spielte Tanzmusik, sagt Schönberg - das könnte in Niederösterreich genügen, um die Verantwortlichen darüber zu beruhigen, dass in einem Volksmusikfestival die zeitgenössische Musik nicht zu kurz kommt. (Immerhin hat ein Satz, wie der vielbelachte eines artist in residence, 'Berthold Brecht war Inhaber eines österreichischen Reisepasses', ja auch genügt, um die bescheidenen Mittel zur Förderung des zeitgenössischen Musikschaffens für die Zelebration des hundertsten Geburtstages des Dichters zu kanalisieren).
Oder wächst bei Programmgestaltern und Intendanten, wenn man sie ungehindert ihrer Willkür fröhnen lässt, automatisch die Sucht, auch philosophisch und ideologisch in den Lauf der Dinge einzugreifen und dem Publikum nicht nur die Kunst ihrer Wahl näherzubringen, sondern darüberhinaus auch noch die Welt zu erklären ?
Dass eine Wurzel von Volksmusik Improvisation ist, ist eine Trivialität, gegen die nicht viel einzuwenden wäre, weil Improvisation schliesslich die Wurzel  jeder Musik ist. Die Überschätzung von Spontaneität und Improvisation auf Kosten der musikalischen Konstruktion ist als Reaktion gegen einen gewissen Akademismus innerhalb der neuen Musik zwar verständlich, darüberhinaus aber nur Koketterie mit der Macht demagogischer Routine, die sich notorisch mit dem Nimbus von Unmittelbarkeit umgibt. In Wirklichkeit sind die Pole der Musik aller Kulturen Improvisation und Komposition. Sie bedingen einander und sind ohne einander nicht zu denken: Wer nicht improvisieren kann, kann auch nicht komponieren; und wer nicht komponieren kann, kann auch nicht improvisieren.
Schon möglich also, dass ' wirkliche, echte' Vollksmusik nicht ohne Improvisation auskommt. Es darf aber bei Gelegenheit daran erinnert werden, dass es innerhalb der zeitgenössischen Musik sehrwohl auch Improvisation gibt, die ohne Volksmusik auskommt - was freilich nicht so bequem zu verkaufen ist.
"Es war, mit einem Worte, die Handelsbilanz, die das treibende Motiv hinter ihrem Scheinidealismus war." Arnold Schönberg, Stil und Gedanke

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© Günther Rabl 2001
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
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GLATT & VERKEHRT
musikfestival
Künstlerische Gestaltung : Josef Aichinger, Albert Hosp, Wolfgang Schlag