DEMONTAGEN :: Günther Rabl

Die Filialleiter

Wer Filialleiter werden will, muss nicht als Tellerwäscher beginnen. Dranbleiben ist das Wichtigste, sich unentbehrlich machen, um dann, bei voraussehbaren Umstellungen, im richtigen Moment schlagartig die Filiale zu übernehmen. Sind keine geeigneten Umstellungen in Sicht, kann man auch etwas nachhelfen.
Alles andere ergibt sich von alleine, denn irgendeinen Geschmack hat jeder.
Ein Filialleiter, der beispielsweise auf erotische Schlüsselerlebnisse in Paris zurückblicken kann, wird sich naturgemäss eher auf die Produkte belgischer Konservenfabriken und französischer Winzergenossenschaften spezialisieren, die auf die österreichischen Konsumenten exotisch genug wirken. Ein anderer, dessen Herz mehr dem fernen Osten zugewandt ist (bis einschliesslich NewYork), wird sich hingegen vorwiegend auf Überseeprodukte konzentrieren und grönländische Papayas und holländische Gewürznelken anbieten, welch letztere spätestens seit Phillipine Welser für jede Speise, vom Lebkuchen bis zum Weihnachtskarpfen, als 'unverzichtbar' gelten. Konsequenterweise wird er auch eineiige Äpfel aus Neuseeland, sowie selbstidente Birnen aus Argentinien beziehen. Ein dritter wiederum, der lange darunter gelitten haben mag, dass ihm das kulturelle Erbe der Väter anzutreten aus politischen Gründen verwehrt ist, wird möglicherweise einen überraschend neuen Zugang zur Volkstümlichkeit entdecken und Heimatprodukte auf Lager halten, (wobei der österreichische Heimatbegriff zwar erst ab der Baumgrenze beginnt, dafür aber bis in die Schweizer Alpen reicht) und er wird Quendel, der in ganz Mitteleuropa an jedem Wegrand wächst, als südsteirischen Zitronenthymian auf den Mark bringen, um letztendlich - in enger Zusammenarbeit mit der Molkereigenossenschaft St.Gallen - auch den echten Emmentaler neu zu definieren.
Der bunten Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt.

 


© Günther Rabl 2001
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
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