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Wenn haarlose Möchtegern-Yuppies die "zahnlose Avantgarde" ablösen, schmelzen die Herzen orientierungsloser Landesrätinnen gleich dutzendweise und des ahnungslosen Jubels ist kein Ende. Ausser wenn eine in sich für intellektuell und kritisch haltenden Kreisen angesehene Tageszeitung trotz zehn, als vorauseilend wohlwollende Rezensionen aufgemachter, bezahlter Inserate eine vernichtende Kritik der Festivaleröffnung bringt.
Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: zehn, als Kritiken getarnte, bezahlte Anzeigen – und eine 'echte' Kritik, die mit einem Schlag alles zunichte macht ! Hinausgeworfenes Geld. Tja, das Gesicht eines Blattes und sein Arsch sind eben zwei verschiedene Paar Schuh. Soviel sollte man eigentlich wissen, wenn man jenseits der Dreissig ist und zwei Semester irgendwas studiert hat und ein Festival intendiert. Sich darüber zu beklagen funktioniert allerdings seit ungefähr hundert Jahren nicht. Jede Beschwerde in dieser Richtung scheiterte noch immer an dem die Sphären elastisch verbindenden Mechanismus, der da heisst: Pressefreiheit.
Wenn man wirklich auf diesem Wege etwas erreichen will, kauft man das ganze Blatt, Herr Intendant, und die Rundfunksender gleich dazu !
Aber, ein guter Yuppie zu sein, ist schon auch eine Niveaufrage. Sich im Hinterkopf noch die Möglichkeit freihalten zu wollen, selber Künstler zu sein, ist ein Schwäche, die die anderen Ratten sofort wittern. Und dann dürften die bescheidenen Mittel, die sich doch nur aus dem rekrutieren, was den wirklich schaffenden Kräften des Landes seit Jahrzehnten vorenthalten wird, dazu nicht im Entferntesten ausreichen. Denn, was die wirklich schaffenden Kräfte des Landes brauchen, um leben und schaffen zu können, ist nicht viel. Das reicht kaum aus, die Betriebskosten der kulturellen Arroganz zu decken. Ein Berlusconi-Imperium der Popmusik lässt sich damit nicht aufbauen.
Pop – das sei hier ein für allemal ausgesprochen – ist nämlich nichts weiter, als die Sehnsucht, mit dem Geld zu verdienen, was andere erfunden haben. Dass damit irgendeine wirtschafliche Realität verbunden sei, ist ein Mythos, an den die glauben mögen, die dieser Sehnsucht nachhängen. Pop-Avantgarde ist ein Paradoxon, Avantgarde-Pop ein Pleonasmus. Wo sonst soll man fladern, ausser bei denen, die an vorderster Front Fladernswertes schaffen ? (Damit auch das einmal geklärt ist: Fladern ist nicht nur Stehlen, Fladern ist Umlackieren, mit viel brauner Farbe und einem Kamm gestohlenen Möbeln eine grauenhaft plumpe falsche Maserung verpassen, auf dass sie nichteinmal mehr von ihren ursprünglichen Besitzern wiederkannt werden).
Pop, das ist eine Fratze. Um sie zu entlarven, muss man nichts weiter tun, als sich die Produktionen mit einem Abstand von dreissig Jahren zu Gemüte führen. (Geht sich schon aus, Herr Intendant !). Was bleibt ist ein riesiger malerischer Haufen Sperrmüll, der von berühmten Namen nur so wimmelt, solange, bis endlich niemand mehr weiss, wofür diese berühmten erfundenen Namen eigentlich stehen sollen.
Und wenn's hier nicht funktioniert, dann muss normalerweise Amerika herhalten. Dort geht ja bekanntlich alles, obwohl in der Popproduktion ein zweites Standbein in einem florierenden Handel mit unerlaubten Substanzen durchaus seine berechtigte Tradition hat. (FAQ: Warum ausgerechnet unerlaubte Substanzen ? – Deswegen, weil man da nach Herzenslust pantschen und die Preise treiben kann und weil man, wenn die Zusammenarbeit mit der Exekutive gut funktioniert, die Substanzen, die auf der einen Seite in Umlauf gebracht werden, auf der anderen Seite gleich wieder beschlagnahmen kann und somit ein schönes finanzielles Perpetuum Mobile aufrecht erhalten kann, mit dem sich viel finanzieren lässt. Zum Beispiel Pop).
Oder Berlin:
".. wenn man in Berlin ins Theater geht, da trifft man ein Publikum, dass sich in Alter und Styling vom FLUC-Publikum kaum unterscheidet. Geht man hingegen in Wien ins Theater, hat man das Gefühl, da steht der Leichenwagen draussen".
37! – nicht mehr so weit zum Fuffzicher, guter Mann !! – Bestell er rechtzeitig den Leichenwagen. Und geh er vor allem in die richtigen Vorstellungen. Oder vielmehr: geh er lieber nicht ! Denn beim Anblick arroganter Löcher (wär doch ein schöner Bandname, mit astronomischer Grenzüberschreitung, oder ?), egal welchen Alters, beschleicht mich ein viel unangehmeres Gefühl, als das durchaus liebenswert-morbide eines wartenden Leichenwagens.
Natürlich werden die guten Stücke von heute nicht in den grossen Häusern gespielt und natürlich die gute Musik von heute nicht in den Konzertsälen. Daher liegt nichts näher, als ein Festival zu programmieren, in dem die ausgesparten Dinge erst recht wieder nicht vorkommen, sondern Designer-Surrogate mit Persil-Namen, die solange das Unakademische und den Underground verköpern dürfen, bis auch sie endlich das Zeitliche kratzen und die Kurve segnen, die in einer, nur für naive Laien unerwarteten jähen Wendung vom Underground zur Hochkultur führt. So gross ist der Abstand nämlich gar nicht, genaugenommen nur das pythagoräische Lemma zwischen minus Pi und plus Pi. Kein Problem für Lemmageier, die unter der Rückendeckung einflussreicher Grossbürgerfamilien viel kommunales Geld in den Sand setzen dürfen, um der Welt zu erklären, wie sie sich Underground vorstellen.
Ach ja, Berlin ! – Natürlich ist in Wien eine Berliner Schnute schon eine halbe Intendanz, oder zumindest ein Kuratorenpöstchen. Aber das ist eine Sache, mit der die Wiener fertig werden müssen, wenn sie nicht hinter St.Pölten zurückbleiben wollen, wo auch Frankfurter Dialekt schon zählt.
Aber das mit dem "Mangel an Performancekultur", mit dem der Intendant Wien gegenüber Berlin schlecht machen möchte, stimmt leider nicht. Das wär auch zu schön. Das Gegenteil ist leider der Fall: Weitaus das meiste hier gehypte, bewegt sich in der Grauzone des grenzüberschreitenden Tempelhüpfens, während die grossen Felder diesseits und jenseits der Grenzen brach liegen, oder nur symbolisch besetzt gehalten werden, wie die lunare Einöde durch einen amerikanischen Wimpel.
Heiliger Metternich, mecker nicht ! Subventionierter Pop erspart die Revolte.
© Günther Rabl 2006
Dieser Text versteht sich als literarisches Kunstwerk.
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